Tag Archives: ifp

Gleich für mehrere Seiten Material

Wie ein Beitrag entsteht: Julia Vanessa Bewerunge hat im Sommer zwei Monate in der Stadtredaktion Dresden gearbeitet. Die 20-Jährige ist Stipendiatin des Instituts zur Förderung publizistischen Nachwuchses e.V. (ifp) und erzählt, wie ein Praktikumstag aussehen kann. 

9.30 Uhr         Mit einer Tasse Tee und der aktuellen Ausgabe der SZ mache ich mich auf den Weg an meinen Schreibtisch. Dort blättere ich durch die Seiten, auf der Suche nach interessanten Artikeln. Auch im Internet überfliege ich kurz die Neuigkeiten bei den überregionalen Zeitungen.

10.00 Uhr       Heute habe ich einen Termin im Kunstdepot Lapidarium in der alten Zionskirche. Über die Schätze, die dort gelagert werden, soll ich einen Aufmacher schreiben. Ich habe die Geschichte der Dresdner Kirche und herausragende Werke der Kunstsammlung aus Quellen der Stadt und der Gemeinde schon zusammengetragen. Bevor ich mich mit einem Experten vor Ort treffe, gehe ich den möglichen Gesprächsverlauf im Kopf durch. Welche Themenfelder sind wichtig? Was wäre besonders interessant? Ich beschließe nach drei verschiedenen Kunstschätzen zu fragen, die sich nicht nur epochal, sondern auch stilistisch unterscheiden. So kann ich die Bandbreite der Sammlung am besten hervorheben.

11.00 Uhr       Schon eine halbe Stunde vor dem Termin treffe ich an der Zionskirche ein. Da bleibt genügend Zeit, um mir Gelände und Gebäude anzuschauen und so ein Gefühl für die Atmosphäre vor Ort zu bekommen.  Wie reagieren Passanten auf das Gebäude? Welche Assoziationen habe ich, wenn ich die runde Kirche mit den zerstörten Skulpturen und Einschusslöchern in der Fassade sehe? Bereits mit zwei beschriebenen Seiten mache ich mich auf den Weg zu meinem Gesprächspartner.

12.00 Uhr       In zwei Stunden zeigt mir ein Mitarbeiter der Stadt das Gebäude. Er hat alte Fotografien mitgebracht, um mir zu zeigen, wie der Zustand vor und nach dem Zweiten Weltkrieg aussah. Es ist ein sehr angenehmer Termin, da er sich gut auf das Gespräch vorbereitet hat und als Leiter des Kunstdepots mit der Materie vertraut ist. Meine Fragen kann er alle beantworten. Er versucht mir sogar noch Flyer und Prospekte mitzugeben, sodass ich am Ende wahrscheinlich mehrere Seiten füllen könnte. Jede Ecke des Gebäudes zeigt er mir, auch draußen führt er mich herum: zu alten Brückenpfeilern und einer großen Sammlung von Holztüren. Während ich die alten Kirchentreppen hochsteige oder zwischen enormen Regalen Reliefstücke betrachte, überlege ich, welche Stücke ich für im Text beschreiben möchte. Welche von ihnen eignen sich fürs Foto und welche haben auch eine interessante Geschichte?

 15.30 Uhr       Mit vielen Informationen kehre ich zurück in die Redaktion. Wieder gehe ich meine Notizen durch und ordne sie. Außerdem organisiere ich einen Fotografen, der die von mir ausgewählten Stücke und eine Gesamtansicht der Sammlung fotografieren soll. Den Aufmacher schreibe ich direkt in ein Seitenlayout und drucke ihn aus. Bevor er auf die offizielle Seite gestellt wird, schaut sich einer der Mitarbeiter den Artikel an und gibt mir Feedback dazu. Nachdem ich den Text überarbeitet habe, gehe ich mit den Fotos zu den Layoutern. Sie stellen Text und Bildmaterial auf die Seite.

17.00 Uhr       In der Konferenz der Dresdner Stadtredaktion werden zuerst die Überschriften gemeinsam angeschaut. Sind sie interessant? Ziehen sie den Leser wirklich in den Text oder schrecken sie ihn eher ab? Sind alle Überschriften besprochen, wird die übernächste Ausgabe geplant.

18.00 Uhr       Ein letzter Blick auf die Terminplanung für den nächsten Tag, dann packe ich meine Sachen zusammen und mache mich auf den Weg nach Hause.

 

Am Laufsteg der Schwarzen Szene

Volontäre stellen sich vor: Anna Hoben (28) hat schon als Kind das Schreiben für sich entdeckt. Und wäre dennoch fast  Lehrerin geworden.

Klick gemacht hat es…

als ich mit elf meinen ersten Artikel in der Hand hielt. Meine Heimatzeitung, die Schwäbische Zeitung, hatte beim Kulturufer-Festival in Friedrichshafen einen journalistischen Workshop für Kinder veranstaltet. Stift und Schreibblock in die Hand und losgeflitzt: zu den Künstlern hinter der Bühne, zu den Köchen im Esszelt, zu den Besuchern auf der Straße. Ich merkte: Als Reporter durfte man mehr. Und man sah mehr. Außerdem machte das Schreiben Spaß. Und am Ende stand mein Name drunter! Nach dem Abitur fing ich als Praktikantin bei der Schwäbischen Zeitung an und machte als freie Mitarbeiterin weiter.

Vor dem Volo hätte ich nicht gedacht…

dass ich Sächsisch mal besser finden würde als Schwäbisch.

Mein Leben ohne Journalismus hätte so ausgesehen…

dass ich im Jahr 2012 als Deutsch- und Englischlehrerin mit Fünftklässlern Genitiv und Dativ üben und mit Zwölftklässlern Schiller und Kafka lesen würde. Oder ich würde als Promotionsstudentin in einem muffigen Büro an der Uni sitzen, lesen, lesen, lesen – und dann einen ziemlich langen Artikel schreiben. In Konstanz am Bodensee habe ich Germanistik, Anglistik und Amerikanistik studiert, fürs Lehramt an Gymnasien. Das war aber immer nur Plan B. Plan A war schließlich, Journalistin zu werden. Deshalb habe ich parallel zu meinem Studium an der Münchner Journalistenschule ifp eine journalistische Ausbildung absolviert, mit Praktikumsstationen beim Kölner Stadt-Anzeiger, bei der Sächsischen Zeitung, beim NDR und ZDF. 2008 ging ich für ein Jahr in die USA und studierte in Yale African American Studies, während Obama seinen ersten Wahlkampf betrieb. Nach dem Examen bewarb ich mich bei der Sächsischen Zeitung um ein Volontariat – und entschied mich für ein Leben mit Journalismus.

Ich bin Spezialist für…

Reportagen, Porträts, Gesellschafts- und Kulturthemen.

An die Geschichte erinnere ich mich oft…

als ich für eine Reportage über das Wave Gotik Festival in Leipzig Protagonisten suchte. Jedes Jahr zu Pfingsten ist die Stadt Treffpunkt und Laufsteg für die Schwarze Szene, die inzwischen ziemlich bunt ist. Ich traf ein Pärchen aus Nürnberg, das für jeden der vier Festivaltage ein anderes Kostüm dabei hatte, alles selbst geschneidert und gebastelt. Ich begleitete sie fast rund um die Uhr und durfte zusehen, wie sie sich stylten: für ihre Premiere im Latex-Outfit. Das Anziehen und Schminken dauerte zweieinhalb Stunden – und war noch interessanter als das anschließende Schaulaufen. Immer wieder sehe ich außerdem die Gesichter der Asylbewerber vor mir, über die ich in Pirna eine Serie geschrieben habe, und frage mich, was aus ihnen geworden ist.

Dass ich bei der SZ richtig bin, habe ich gemerkt…

als ich 2007 ein Praktikum im Kulturressort machte. Ich bekam Verantwortung, Förderung und die Freiheit, mich auszuprobieren. Als ich vier Jahre später fürs Volontariat nach Dresden zog, war das auch eine Bauchentscheidung – die richtige.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.