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Nach Redaktionsschluss zum Holzhacken

Wulf Stibenz hat in viel von der Welt gesehen: als Stipendiat in den USA oder auf Reisen nach Ägypten oder Russland. Heute leitet er die Redaktionen Niesky und Weißwasser und liebt das Leben auf dem Land.

Wulf StibenzWulf, wie hast du dir anfangs die Region zwischen Weißwasser und Niesky vorgestellt?

Als Student war ich nur einige Male zu Eishockeyspielen in Weißwasser oder auch zu Wanderungen in Polen und der Tschechei. Die Stadt habe ich vom Durchfahren damals als trist in Erinnerung, voller DDR-Hochhäuser und ohne kulturelle Attraktionen. Niesky hingegen musste laut Buschfunk eher klein, bürgerlich und langweilig sein. Rundum gab es ja nur Tagebaue und Kraftwerke, die Neiße als Grenzfluss und im Süden die Autobahn.

Wie hat es dich nach diversen Praktika bei Medien, Firmen und Ministerien doch aufs  Land verschlagen?

Nach meinem Studium hatte ich Großstädte, das etwas Aufgesetzte, das Schnelllebige und das Überangebot satt. Ich war durch die halbe Welt gereist, aber kaum durch Sachsen. Nur durch das Volontariat bei der SZ habe ich Lokalredaktionen und die Menschen vor Ort kennengelernt. Je weiter ab vom Schuss die waren, desto interessanter habe ich das immer empfunden.

Was macht die Menschen in der Region aus?

Ein Großteil der Klischees über Weißwasser oder Niesky stimmt nicht – wie so oft bei Klischees. Ich habe Weißwasseraner kennen und schätzen gelernt, die für ihre Stadt alles geben. Menschen, die trotz der sozialen und wirtschaftlichen Probleme vor Ort nicht der Karriere wegen wegziehen, die ihre Stadt mitgestalten wollen. Das ist faszinierend. Ich behaupte, dass ein Weißwasseraner, Rothenburger oder Nieskyer sich mehr mit dem Herzen für seine Stadt einsetzt, als es ein Dresdner, Leipziger oder Cottbuser tut – weil allen klar ist, dass es oftmals keinen anderen gibt, der die nötigen Aufgaben sonst erledigt.

Wie nah bist du beim Volontariat den Menschen gekommen, so ohne Ortskenntnis und Kontakte?

Ich habe mir dank der SZ-Kollegen vor Ort immer eine Unterkunft direkt in meiner Volo-Region gesucht. Ganz absichtlich, um schnell zu den Leuten dort Kontakt aufzunehmen, ihre Träume, Sorgen und Hoffnungen zu erkunden – und um ein Gefühl dafür zu bekommen, was gerade Thema ist. Fast jeden Abend bin ich vor Ort auch privat unterwegs gewesen – und auch übers Wochenende geblieben, obwohl ich in Dresden ja eine Wohnung hatte. Von täglichen Autobahnfahrten zur Arbeit habe ich nie etwas gehalten.

Ganz allein werkelt man als Volo im Lokalen ja nicht …

Die Tipps der Kollegen sind immer hilfreich. Sie sind es ja, die sich mit der Materie ihrer Region auskennen. Sie können Entwicklungen und Ereignisse sofort einordnen. Klar, mit etwas Berufserfahrung kann ein guter Journalist auch ohne Ortskenntnis und Kontakte trotzdem eine gute Geschichte bringen. Aber der Mehrwert des Eindringens in die Materie ist für die persönliche Entwicklung und die Zeitung unbezahlbar. Ich habe deshalb meine Volo-Stationen als ein riesiges Geschenk empfunden. Und es hat mich vor allem Respekt vor den Leistungen der Lokalredakteure gelehrt. Selbst wenn ein Nachwuchsjournalist später in Mantelredaktionen oder bei überregionalen Publikationen tätig sein will – der Einblick ins Lokale ist meines Erachtens von enormer Bedeutung.

Wie schaffst du es zwei Lokalredaktionen zu leiten, die über 30 Kilometer auseinanderliegen?

Nicht alle Redaktionsangelegenheiten können per Telefon oder Mail koordiniert werden. Ohne Auto wäre ich komplett aufgeschmissen. Der persönliche Kontakt – das habe ich auch als einen der wichtigsten Unterschiede zur Arbeit in urban geprägten Regionen schätzen gelernt – ist nicht durch fernmündliche Verbindungen zu ersetzen. Auch die Geschichten für die Zeitung entstehen hier deshalb oft anders. Denn die Wege zu den Menschen, über die wir berichten, sind lang. Zeit ist das wertvollste Gut – also musst du dich richtig gut organisieren. Fehler sind dabei im Laufe eines Tages oft nicht zu korrigieren, dürfen also nicht passieren.

Gerade, wenn es eine Konkurrenzzeitung gibt…

Der Zeit- und Qualitätsdruck bei Tageszeitungen ist enorm und richtig – die Kunst ist es, die eigenen Ansprüche und externen Anforderungen an die Arbeit für sich positiv zu besetzen. Dann bereitet Journalismus sehr viel Freude. Positiver Stress also, der einen fordert und anregt. Umso wichtiger ist es, im Spannungsfeld den privaten Ausgleich und sein Glück zu finden. Denn nur so sind kreative und rationale, effektive und feinsinnige, aufsehenerregende und bodenständige Resultate möglich.

Was kann man denn in der Gegend nach Feierabend machen – außer, Eishockey gucken?

Die Region hat viel mehr zu bieten als eine faszinierende Landschaft. Es gibt hier natürlich auch Szenen – von Jugend- bis Hochkultur. Und die müssen sich nicht vor denen in größeren Städten verstecken. Der Unterschied ist nur in der Masse des Angebots, nicht in der Qualität. Und es hat eben auch viel Charme, wenn sich auf Veranstaltungen von Konzerten bis bildnerische Kunst, Lesungen oder Sportaktionen viele Leute kennen, weil sie sich immer wieder treffen. Das schafft eine zusätzliche Verbindung, die ich so in größeren Städten nie erlebt habe. Das Leben „auf dem Lande“ ist also tatsächlich schön, wenn man sich darauf einlässt.

Wie hast du hier dein privates Glück gefunden?

Mein Glück entsteht durch ein Wechselspiel. Ich baue ein altes Jägerhaus mitten im Wald bei Niesky aus – wo ich mit Frau, Kind, drei großen Hunden und vier Katzen lebe. Ringsum ist nichts als Wald. In der Redaktion hingegen sind wir komplett vernetzt, schnell und aktuell. Privat habe ich weder Internet, noch Telefon – nur Handy natürlich. Auf Arbeit habe ich jeden Tag mit vielen unterschiedlichen Personen zu tun. Privat habe ich im Wald normalerweise nur meine beiden Nachbarn – die 1,8 und 2,4 Kilometer entfernt, auch irgendwo im Nirgendwo einen Hof haben. In der Redaktion muss alles professionell ablaufen. Beim Hausumbau werkele ich gerne selbst rum. Es ist der Ausgleich, der große Zufriedenheit und eben auch Glück ermöglicht.

Du wohnst also ganz abgeschieden. Wie pflegst du den Kontakt zu Kollegen, die nicht am Schreibtisch nebenan sitzen?

Das Kantinengespräch mit Kollegen anderer Redaktionen fällt ja leider aus. Der Einfluss anderer Denk- und Sichtweisen ist in einer Lokalredaktion also naturgemäß kleiner. Deshalb wird viel telefoniert. Und ich pflege gerne die Kontakte zu Kollegen. Das ist mit den diversen Online-Netzwerken einfacher geworden. Nur – ersetzen können sie den persönlichen Kontakt nicht.

Besuchen dich Kollegen anderer Redaktionen eigentlich im Wald?

Einige lieb gewordene Kollegen besuchen mich mehr oder weniger regelmäßig im Waldgut. Ich glaube, das ist für viele Städter auch etwas Therapie – so ganz ohne Straße, Laternen, Post, Trinkwasserleitungen, Internet, Bus, Bahn, Kneipe oder gar Nachbarn in Sichtweite. Ich genieße die Besuche sehr, weil ich viele der SZ-Kollegen beruflich und eben auch menschlich sehr schätze. Wenn es sich einrichten lässt, revanchiere ich mich natürlich auch gerne – es ist ja nicht so, dass ich ungern in der Stadt bin. Unter dem Aspekt betrachtet ist die SZ auch eine Art Journalistenfamilie.

Die Fragen stellte Dagny Rößler.

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