Tag Archives: Politik

Eine Woche Berliner Luft schnuppern

Ein kleines Büro der Politikredaktion liegt außerhalb von Dresden. In Berlin arbeiten die beiden Korrespondenten Peter Heimann und Sven Siebert. In einer Sitzungswoche des Bundestages haben sie mir als Volontärin gezeigt, wie es vor und hinter den Kulissen zugeht.  

Montag

10.30 Uhr Pressekonferenz im Tagungszentrum: Die Krankenkasse Barmer und die Bertelsmann-Stiftung stellen das Ergebnis einer Umfrage vor: Der Ärztemangel ist bei den Patienten noch nicht angekommen.

11.30 Uhr Regierungspressekonferenz: Die Sprecher der Ministerien und der Regierung stehen den Journalisten für Fragen bereit: Besonders begehrt sind das Finanz- und Wirtschaftsressort. 

Dienstag

9.30 Uhr Pressefrühstück mit dem Parlamentarischen Geschäftsführer der CDU: Er spricht über den Ablauf der nächsten Bundestagssitzungen und die Arbeit in den Ausschüssen.

11 Uhr Briefing zu Bundestagssitzungen II Weißwurstessen in der Bayerischen Landesvertretung: Die CSU-Spitze wird von Journalisten zu Äußerungen von Bayerns Sozialministerin gefragt. Haderthauer erntet scharfe Kritik aus eigener Partei. Die Landesgruppenchefin wirft ihr eine Sprache vor, “die nahe an die Erpressung geht”.

15 Uhr Fraktionssitzungen der Parteien I: Vor den Räumen der Fraktionsebene lungern viele Kameraleute, um einzelne Abgeordnete abzufangen und ihnen Statements für die Nachrichten abzuringen. Es geht um O-Töne zum Bombenfund am Bonner Hauptbahnhof, aber auch die Frage, was die Bundestagsmitglieder sich fürs neue Jahr vornehmen und nicht zuletzt, was sie Gotthilf Fischer zum 85. wünschen.

17 Uhr Fraktionssitzungen der Parteien II: Jetzt hocken auf der Fraktionsebene die Journalisten der Nachrichtenagenturen herum. Sie warten auf die Sprecher der Fraktion, die verraten, was sich in den Sitzungsräumen abspielt. “Unter drei sage ich Ihnen…”

Mittwoch

9.30 Uhr Journalistenrunde mit Gregor Gysi: Wird die Linke es im Januar in den niedersächsischen Landtag schaffen? Und im September in den Bundestag? Die Linken können es nicht alleine richten, Gysi macht es auch von der Bevölkerung im Land abhängig: Wenn es den Leuten gut geht, werde nicht links gewählt.

12 Uhr Gemeinsamer Auftritt von Steinbrück und Trittin:  Sie stellen einen Antrag zur Schaffung einer Bankenunion vor. Blitzlichtgewitter. Ihr Ziel: die Bändigung der Finanzmärkte die Bekräftigung der rot-grünen Wahlkampfbrüderschaft

13 Uhr Bundestagssitzung TOP 1: Gesetz zur Beschneidung. In zwei Stunden werden drei Grundrechte gegeneinander abgewogen: Was ist am wichtigsten: Kindeswohl, Religionsfreiheit oder elterliche Sorge? 

Donnerstag

9 Uhr Regierungserklärung von Angela Merkel vor dem Europäischen Rat in Brüssel:In einer sich verändernden Welt müssen wir selbst den Mut zur Veränderung haben.” Danach ist Sigmar Gabriel dran: “Das ist doch verrückt, wie Sie Deutschland regieren.”

11.30 Uhr Interview mit Katja Kipping: Die linke Bundestagsabgeordnete aus Dresden ist den testeron-gestuerten Politikstil im Land leid.

13 Uhr Briefung zur Bundesratssitzung in der Sächsische Landesvertretung: Was ist alles im Vermittlungsausschuss hängen geblieben? Neues Vokabular: A- und B-Länder, echte und unechte Beschlüsse

Freitag

9.30 Uhr Bundesrat: Die Mehrheit der Ministerpräsidenten will die NPD “ins politische Nichts befördern” und stimmt dem Antrag zu, ein Verbotsverfahren einzuleiten. Das ist nur einer von 70 Punkten auf der Tagesordnung.

12 Uhr NSU-Untersuchungsausschuss: Finanzminister Wolfgang Schäuble wird als Zeuge befragt, er war Innenminister, als die Mordserie in Deutschland weiterging.

Notiert von Dagny Rößler.

Als Nachrichtenjournalist zum Universalgenie

Volontäre stellen sich vor: Sandro Rahrisch (27) schreibt gern kurz und knapp das Wesentliche auf und verbessert so im Volo seine Allgemeinbildung.

SandroKlick gemacht hat es, …

 als mich der Direktor bat, die Sanierung der Schule mit der Videokamera festzuhalten und Beiträge für die Schulhomepage zu produzieren. Ich schnappte mir die Kamera der Eltern und verfolgte die Bauarbeiter auf Schritt und Tritt. Danach wollte ich eigentlich zum Fernsehen, habe mich aber bei der Sächsischen Zeitung um ein Praktikum in Radebeul beworben und festgestellt: Hier lernst du das Schreiben gründlicher und bist beim Texten nicht so stark ans Bildmaterial gebunden.

 Vor dem Volo hätte ich nicht gedacht, … 

dass man als Journalist zum Universalgenie für Käseimitate, Videoüberwachung, EU-Agrarsubventionen und Bierflaschenhälse werden kann.

 Mein Leben ohne Journalismus hätte so aussehen, …

 dass ich meine Studienrichtung, Politikwissenschaft, als Doktorand weiterverfolgen würde.

 An diese Geschichte erinnere ich mich oft…

 Ein Tornado legte 2010 viele Häuser in und um Großenhain in Schutt und Asche. Als ich wenige Tage später zwei Familien besuchte, deren Heim plötzlich nicht mehr existent war, war das eine Gratwanderung. Ich merkte schnell, dass ich mit vorbereiteten Fragen nicht weiterkam, weil diese Menschen über ihr Schicksal und ihre Erinnerungen frei erzählen wollten. Sich als Journalist zurückzuhalten und kaum Fragen zu stellen, war eine ungewohnte Situation für mich, für die beiden Geschichten aber absolut notwendig.

 Ich bin Spezialist für…

 Nachrichten, Meldungen, Berichte und Features. Sie zwingen einem, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und nicht abzuschweifen.

 Dass ich bei der SZ richtig bin, habe ich gemerkt …

 als ich meinen Ausbildungsplan zum ersten Mal las: Neben der vierteljährlichen Rotation von Ressort zu Ressort, wie es bei den meisten Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern üblich ist, gehört ein Lehrgang an der Henri-Nannen-Journalistenschule in Hamburg und ein Aufenthalt im Berliner Korrespondentenbüro zu meinen Stationen.

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