Das Interview – die Kunst der klugen Frage

Das Interview, ob persönlich oder am Telefon, besitzt vermutlich die größte Fallhöhe. Einmal verabschiedet, ist die Chance vorbei. Spätere Nachfragen lassen sich nur schwer in ein flüssiges Gespräch integrieren. Wie umgeht man diese Tücken? Ein paar Tipps.

Wann eignet sich ein Interview?

Ein Interview orientiert sich immer an der interviewten Person. Im Normalfall ist die entweder prominent, ein Experte oder beides. Personen, bei denen vorher umfassend erklärt werden muss, warum die sich überhaupt zu einem Thema äußerst, eignen sich eher weniger. Auch wichtig ist das Bewusstsein, dass im Interview keine Gegenstimme existiert, was es ganz wesentlich vom Bericht unterscheidet. In Ausnahmefällen kann der Interviewer kritische Fragen stellen oder Antworten kommentieren, das ist aber eine eher heikle Technik. Daher gibt es vor allem beim politischen Interview schnell den Vorwurf „jemandem eine Bühne zu bieten“ und „einseitig zu berichten“. Deshalb sollte der Inhalt (Expertengespräch) oder das öffentliche Interesse an der Meinung eben jener Person (Prominenz) im Mittelpunkt stehen.

Die Vorbereitung

Gut Ding will Weile haben und das gilt auch für die Interview-Vorbereitung. Es mag Interviews geben, bei denen das Gegenüber kaum aufhört zu reden oder Interviewer und Gesprächspartner sich auf Anhieb so gut verstehen, dass das Gespräch ganz natürlich stattfindet. Doch das passiert nicht immer, weshalb man vom Worst Case ausgehen sollte: Dem Interviewten jedes Wort aus der Nase kratzen zu müssen. Zugegeben: Bei Prominenten passiert das eher selten. Da ist es wichtig, andere Interviews zu lesen um sich Mühe zu geben, mal ein paar etwas andere Fragen zu stellen. Bei Privatpersonen ist es wichtig, Details zu sammeln und ernsthaftes Interesse rüberzubringen. Kenntnisse über Heimatort und Ausbildung vermitteln ihnen das Gefühl, dass ihre Einlassungen relevant sind. Bei Experten ist schließlich eine gewisse Fachkenntnis vonnöten, um als gleichwertiger Gesprächspartner wahrgenommen zu werden. Hier ist aber Vorsicht geboten: Die Fachkenntnis muss im Hintergrund bleiben, denn sonst wird das Niveau für den gemeinen Leser zu hoch und der Text uninteressant.

Interviewführung

Bei einem wirklich guten Interview ist größtes Fingerspitzengefühl gefragt. Oft sind private oder gar pikante Details besonders interessant. Talentierte Interviewer sind daher mit sozialer Intelligenz ausgestattet. Wie weit kann ich gehen, ohne dass mein Gegenüber dicht macht? Wie schaffe ich Vertrauen, wie viel gebe ich von mir selbst preis, damit die andere Person es mir gleichtut? Die Grenzen zur Manipulation sind hier absolut fließend und sollten um jeden Preis gewahrt werden. Sonst erweist man sich und seinem Medium einen Bärendienst. Ob man ein Tonbandgerät verwendet, ist dabei eine Stilfrage. Ich würde davon abraten, weil es manche Gesprächspartner abschrecken könnte.

Die Formulierung der Fragen ist auch situationsabhängig. Doch kennt man die Person noch nicht, empfiehlt es sich mit einer sehr allgemeinen Formulierung zu starten und der Person Raum zu geben, ihre eigenen Kernpunkte zu setzen, um dann langsam auf die Details zu kommen. Ein Beispiel wäre:

„Wie war das Familienleben als Sie klein waren?“
„War das Verhältnis zu ihrem Vater durch dessen Berühmtheit belastet?“
„Als sie im Sommer 1977 vom seinem Unfall erfuhren, wie war das für Sie?“

Im günstigsten Fall beantworten die Interviewten die weiterführenden Fragen von allein, falls nicht, schubse sie in die richtige Richtung. Darauf, die Fragen dementsprechend zu formulieren, sollte man schon bei der Vorbereitung achten. Generell empfiehlt es sich auch, einen Plan B in der Hinterhand zu haben. Falls die betreffende Person über einen ganzen Themenblock nicht reden möchte, man das Interview dennoch nicht abbrechen will, kann ein alternatives Thema Gold wert sein.

Das Aufschreiben

Bei diesem Thema gibt es einen kleinen Konflikt zwischen der „alten Schule“ und aktuelleren Interviewtechniken. Früher war es so: Ein Interview wurde mit dem Tonband aufgenommen, anschließend abgetippt und dann auf die richtige Länge gestutzt. Der Gesprächsfluss blieb komplett erhalten. Das Gegenmodell dazu ist, ein freies Gespräch zu führen, im Nachhinein auf der Grundlage des Gespräches Fragen und Antworten zu formulieren und dem Interviewten zur Absegnung vorzulegen. Variante A erfordert viel Vorbereitung, der Interviewer ist allerdings besonders bei kritischen Zitaten auf der sicheren Seite. Variante B lässt sich durch die im Nachhinein zusammengedichtete Dramaturgie wesentlich spannender lesen, erfordert aber beim Zusammenbau große Sachkenntnis und birgt die Gefahr, dass der Interviewte sich dessen komplett verweigert. Besonders bei Interviews zu heiklen Themen kann es ihm Nachhinein Ärger geben, wenn der Interviewte die Streichung von kritischen, aber interessanten Passagen verlangt.

Am Ende siegt meist der Mittelweg. Durch eine gute Vorbereitung sollte das Gespräch bereits eine Dramaturgie haben und im besten Fall auf Anhieb funktionieren, bricht das Konstrukt aber durch unvorhergesehene, spektakuläre neue Fakten auseinander, kann man das Gespräch frei führen und im Nachhinein so schreiben, wie es passt. Denn ein möglichst flüssig und abwechslungsreich zu lesendes Gespräch ist allen am liebsten: Dem Interviewten, dem Leser – und letztlich auch dem Journalisten.

Maximilian Helm

Schreibübung

Du hast die Gelegenheit Katja Kipping zu interviewen. Welche ist deine erste Frage, welche zwei weiteren würdest du im Gesprächsverlauf stellen? Welches wäre dein zentrales Thema? Worauf würdest du beim Umgang mit ihr besonders achten? Welche Frage solltest du nicht stellen?

Zum Teil 2: Der Bericht

Zum Teil 4: Die Reportage

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