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Der Oscar im Monat

Theorie und Praxis sind selten einer Meinung. Das müssen auch angehende Journalist*innen lernen. Es ist doch so: Eigentlich will man die großen Themen bearbeiten, wegweisende Essays verfassen und Reportagen schreiben, die Leser*innen die Tränen in die Augen treiben. Was ich lernen musste: Solche Texte sind eher die Ausnahme. Woran liegt das? Und ist das schlimm?

Bei unserer Volo-Schulung bei SZ-Chefreporterin Karin Großmann (vermutlich die beste Schreiberin der Sächsischen Zeitung) erwähnte sie im Nebensatz eine alte journalistische Weisheit: „Es gibt einen Oscar im Monat“. Das soll bedeuten, dass man im Durchschnitt im Monat einen Text schreibt, auf den man so richtig stolz ist und vermutlich auch sein kann. Denn ein Großteil unserer Arbeit ist das Tagesgeschäft: Baustellen, Veranstaltungen, Rezensionen, aktuelle Ereignisse. Da bleibt wenig Zeit für die eigenen, großen Geschichten.

Doch schlimm ist das keinesfalls, denn es ist der Kernteil unserer Arbeit bei einer Tageszeitung. Spiegel-Reporter*innen geht das natürlich anders, aber deren täglich Brot hat mit unserem verblüffend wenig zu tun. Und letztlich muss man gestehen, dass in diesen großen, eigenen Geschichten meist viel Zeit und Mühe steckt. Und dann werden sie gedruckt, die Tinte trocknet und schon am Nachmittag des nächsten Tages landen sie in der Papiertonne.

Das ist das Schicksal einer Tageszeitung, natürlich. Mein Oscar des Monats Juli war die Geschichte Wie ein Dorf zerfällt über die umstrittenen Umtriebe eines Investors im kleinen Dorf Taubenheim bei Meißen. Diese Geschichte stand drei Wochen bei mir im Block, beinhaltete unzählige Telefonate und Besuche vor Ort. Am Ende war sie gut, und ich darf zugeben dass ich ein wenig stolz drauf bin. Doch würde ich ausschließlich solche Dinge schreiben, wäre die Zeitung schlicht leer. Kosten und Nutzen stehen in keinem wirklichen Verhältnis, was schade, aber die Realität einer Tageszeitung ist. Oder?

Bei der SZ ist das Interesse an solchen Geschichten sehr groß und die Reaktionen positiv. Und was man auch merkt: Es sind genau solche Themen und Texte, für die unsere Leser*innen Digitalabos abschließen. Nur für die Geschichte aus Taubenheim wurden gleich zwei abgeschlossen. Und wenn jede*r Journalist*in bei uns einen Oscar im Monat produziert, dann tut das unserer Zeitung so richtig gut. Also: Nicht entmutigen lassen. Die Killer-Reportage wartet schon hinter der nächsten Ecke!

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