Das Schild von RTL am Eingang der Henri-Nannen-Schule
Erfahrungsbericht

Oh Hamburg meine Perle – Ein Monat Henri-Nannen-Schule

Im März wurden vier Volontärinnen der Sächsischen Zeitung nach Hamburg auf die Henri-Nannen-Schule geschickt. Zwischen „wieder die Schulbank drücken“ und der Zukunft des Journalismus.

Den ersten Sonntag im März ging es los und mit dem Zug von Dresden nach Hamburg. Gepackt für vier Wochen waren die Koffer entsprechend schwer. Aber alles klappte wie geplant. Der Stundenplan der nächsten Wochen war voll. Auf uns warteten Profis aus dem Journalismus, eine Vielzahl an kleinen und größeren Projekten und natürlich Sightseeing.

Insgesamt 19 Schüler*innen versammelten sich am Montag im Foyer von RTL. Bunt gemischt aus ganz Deutschland und der Schweiz würden wir uns in den nächsten vier Wochen sehr gut kennenlernen (und vielleicht auch langjährige Freundschaften schließen).

Gleich am ersten Tag erwartete uns die Grundlage des Journalismus – eine Nachricht schreiben. Sogar eine Pressekonferenz und ein Newsroom war für uns vorbereitet wurden. Die nächsten Wochen waren eine Sammlung an journalistischen Wissen und Fähigkeiten. Mit Dozenten von der ZEIT, vom Stern und dem Spiegel sowie von T-Online oder Freelancer brachten uns alles näher, was wir wissen mussten um als Jungjournalist zu starten: Nachrichten schreiben, Social Media Beiträge und kurze Dokus filmen und schneiden.

Das Meisterstück der vier Wochen war die Reportage. Nach ein paar Übungen und (bei einigen) einer sehr langen Themensuche, hatten wir ein ganzes Wochenende dafür Zeit. 6.000 Zeichen lang sollte sie sein und die Ergebnisse hätten nicht vielfältiger sein können: Bio-Laden, Kältebus, Tantra-Massagen und Social-Media-Sucht-Selbsthilfegruppen sowie eine Besamungsstation für Pferde, sind nur eine Auswahl der Themen.

Nach dem täglichen Unterricht lagen manchmal noch Abendtermine an, an denen Gäste eingeladen wurden. Wir durften sie mit Fragen löschern zu ihrer Arbeit und den Geheimnissen des Journalismus. Stand am Abend und am Wochenende nichts an, dann war Zeit für Sightseeing: Also furen wir mit der Fähre über die Elbe, gingen ins Theater oder Musical und spazierten durch die Stadt oder um die Alster. Und über allem Stand das Wort: Franzbrötchen. Das süß ausgebackene Teilchen war am Anfang nur eine Versuchung und am Ende nahezu täglicher Begleiter im Schulalltag der Henri-Nannen-Schule.

Der letzte Tag war bei uns aus Karfreitag. Bei einem gemeinsamen Frühstück und einer Sektrunde, wurden ein letztes Mal die vier Wochen besprochen. Zum Schluss wurde noch ein Gruppenfoto gemacht und nach und nach verabschiedeten sich alle ins Osterwochenende.

(Wir wollten auch an die „Wall-of-Fame“, die Wand mit den Bildern der Absolventen des zwei-Jährigen Kurses der Nannen-Schule. Also haben wir selbst ein Bild ausgedruckt und es ins Schulgebäude gehangen – ob das bisher ausgefallen ist? Wir wissen es nicht)

Vier Volontäre und eine Volontärin der Sächsischen Zeitung stehen im Fahrstuhl im Haus der Presse in Dresden
Erfahrungsbericht

Liebeserklärungen an den Journalismus

In den vergangenen Wochen hat die Redaktion der Sächsischen Zeitung auf eine besondere Ausgabe hingearbeitet. Zum 77. Geburtstag sind neben aktuellen Themen auch Artikel zu unserer Arbeit, dem Haus und uns – den Journalist:innen erschienen. Wir wurden gefragt, warum wir uns eigentlich für das Volontariat entschieden haben, und wie wir den Journalismus in der Zukunft sehen. Hier findet ihr unsere Antworten: Sieben Liebeserklärungen zum 77.

Empathie lässt sich nicht downloaden

Connor Endt

Sechs Uhr, der Wecker klingelt. Ich schäle mich aus dem Bett, ziehe Funktionsklamotten an. Zwanzig Minuten später holt mich meine Kollegin ab. Wir fahren in ein Waldgebiet, das von Umweltschützern besetzt wird. Drei Tage lang sind wir bis 22 Uhr auf den Beinen. Hetzen durch ein mehrere Hektar großes Areal, während über uns ein Helikopter kreist und Menschen aus Baumhäusern geräumt werden. Wir sprechen mit Umweltschützern, einer Anwohnerin und Polizisten. Einen Artikel schreibe ich auf der Rückbank, während meine Kollegin uns zurück nach Dresden fährt. Beim Einschlafen habe ich immer noch das Rattern der Rotorblätter im Ohr.

Aber genau das ist es, wofür ich jeden Tag gerne aufstehe. Bei der Arbeit als Journalist bedeutet beinahe jeder Tag eine Überraschung. Jeden Tag trifft man Menschen, die man sonst niemals treffen würde. Taucht ein in Welten, die einem Großteil der Menschen verschlossen bleiben.

Als Journalist bin ich Augen und Ohren unserer Leser, egal ob bei Waldräumungen, Demos oder Kreistagssitzungen. Das ist ein großer Vertrauensbeweis.

Doch die Welt des Journalismus verändert sich aktuell rapide. Künstliche Intelligenz wird immer besser darin, eigene Texte zu produzieren oder Bilder zu generieren. Social Media wird überflutet mit Bildern von der Festnahme von Donald Trump oder Wladimir Putins Kniefall vor dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping. Beide Bilder sind Fälschungen, von Künstlicher Intelligenz generiert.

Noch erkennen wir den Unterschied zu Bildern, die von echten Fotografen geknipst wurden. Aber die KIs lernen ständig dazu und werden schnell besser. Wenn immer mehr Inhalte generiert werden, die nicht echt sind, wird Vertrauen immer wichtiger.

Dazu müssen Journalisten auch in Zukunft um sechs Uhr aufstehen und beschreiben, was sie sehen und hören. Denn eine Sache ist klar. KI kann zwar jede Menge Daten sammeln und analysieren, aber sie kann keine menschlichen Erfahrungen und Emotionen nachvollziehen. Empathie, Intuition und kritische Denkweisen lassen sich nicht downloaden.

Connor Endt, Volontär bei der Sächsischen Zeitung, im Gespräch mit zwei Mädchen
Connors Notizen kann so schnell keine KI ersetzen.

Worte, die die Welt verändern

Natalie Stolle

Schreiben, das lag mir schon immer. Zumindest wurde mir das Zeit meines Lebens nachgesagt. Geschichten, lang oder kurz, schwulstig oder nüchtern – es gibt fast nichts, was ich nicht schon ausprobiert hätte. Als sich die Fragen schließlich häuften, was ich in meinem Leben machen möchte, war mir klar, es wäre toll, wenn ich beim Schreiben bleiben könnte. Und gewissermaßen bin ich das auch.

Journalistisches Schreiben ist definitiv anders als kreativ zu schreiben, doch das eine schließt das andere nicht aus. Recherchieren, interviewen und Artikel verfassen mag im ersten Moment nach sich immer wiederholender Arbeit klingen. Manchmal ist es das auch. Aber manchmal hat man eben auch das Glück, auf ganz außergewöhnliche Menschen zu treffen.

Wie im Kreativen habe ich dabei die Möglichkeit, die Geschichten dieser Menschen festzuhalten, nur, dass sie eben real und nicht fiktiv sind. Ich erinnere mich an Hip-Hop-Musiker, meine ersten Interviewpartner, an eine neunzehnjährige Feuerwehrleiterin, an einen pensionierten Extremwanderer, an Gespräche über Roboter, Politik, Wirtschaft und das ganz persönliche Leben, in das ich oft Einblicke bekommen habe.

Journalismus kann mir all das zeigen, Lebensentwürfe, Weltansichten, Missstände und Erfolge. Ich wiederum kann das Erlebte in Worte verpacken und anderen Menschen die Chance geben zu hören, was ich gehört habe, zu sehen, was ich gesehen habe. Mit Blick auf Länder, in denen Presse- und Meinungsfreiheit nicht gegeben sind, wird mir selbst mit den Jahren immer klarer, wie wichtig der Journalismus ist.

Ich bin gern ein Teil davon, auch wenn es nicht immer leicht ist. Als junge Frau wird man manchmal gern belächelt, nicht direkt ernst genommen, wenn man seine Fragen stellt, aber inzwischen mag ich diese Herausforderung auch. Denn meine wahre Stärke sind die Worte, die ich zu Papier bringe. Und wenn alte wie auch neue Geschichte eins gezeigt hat, dann, dass Worte die Welt verändern können.

Volontärin läuft durch ein Meißner Fitnessstudio mit einem Trainer
Natalie wird für einen Artikel zu Neujahrsvorsätzen selbst sportlich aktiv.

Irgendwas mit Medien und Menschen

Niels Heudtlaß

Ich will Journalist werden! Dieser Gedanke festigte sich erst spät in meinem Studium. Schließlich ist mit Politikwissenschaft alles möglich: „Politiker oder Taxifahrer, beides eben mit viel Gelaber“, wie mein Vater gerne kritisch anmerkte. Doch nach einem Praktikum bei der Lokalzeitung meines Studienortes Trier kam für mich nur noch eines infrage: Ich wollte schreiben und das für eine Zeitung.

„Aber Zeitungsjournalismus ist doch tot“, klang es aus allen Ecken meines Bekannten- und Familienkreises. „Wenn du irgendwas mit Medien machen willst, mach doch lieber was Modernes“, ging die Leier oft weiter. Dabei gibt es für mich nichts Zeitloseres und Interessanteres als Informationen zu sammeln, Fakten zu recherchieren und daraus spannende Geschichten zu formen.

Journalismus ist nicht nur „irgendwas mit Medien“, sondern „das mit Medien“. Ob meine Texte am Ende in einer Zeitung, auf einer Internetseite oder auf Social Media erscheinen, ist mir ziemlich egal. Prozess und Anspruch des Journalismus bleiben derselbe – gut recherchiert und spannend erzählt.

Warum aber zu einer klassischen Zeitung und dann auch noch regional über Sachsen berichten? Weil ich nicht nur irgendwas mit Medien machen wollte, sondern auch irgendwas mit Menschen – sehr genau formulierte Ziele also. So eng zugeschnitten wie der Beruf des Journalisten.

Ich habe mich im Nachhinein des Öfteren gewundert, dass ich nicht in der Mosel ertrunken bin, so blind lief ich als Student durch Trier. Erst in meiner Zeit als freier Journalist dort habe ich den Ort, in dem ich zuvor bereits jahrelang gelebt habe, wirklich kennengelernt. Und wie? Indem ich mit Menschen vor Ort gesprochen und ihre Geschichten und Probleme aufgeschrieben habe. Auf diese Art möchte ich auch Sachsen weiter kennenlernen und euch davon berichten. Das ist ein besonderes Privileg des Journalismus, und deswegen wird er so lange existieren, wie Menschen Geschichten zu erzählen und Probleme zu bewältigen haben.

Weil das Leben nie langweilig wird

Simon Lehnerer

Ich habe mich für eine berufliche Laufbahn als Journalist entschieden, weil es in diesem Job nie langweilig wird und es immer Neues zu entdecken gibt. Täglich erfahre ich etwas über Themen, mit denen ich mich vorher noch nie auseinandergesetzt habe. Außerdem habe ich durch den Journalismus die Möglichkeit, Situationen sichtbar zu machen, die sonst nur wenig oder gar keine Aufmerksamkeit erhalten, und kann die Leserinnen und Leser an Orte mitnehmen, die sie sonst nicht kennenlernen würden.

Gerade im Lokaljournalismus denke ich mir oft: „Wenn ich nicht über dieses Thema in dem kleinen Dorf in der Sächsischen Schweiz schreibe, dann tut es niemand.“ Oft sind an jenen unscheinbaren Orten, wo es fast keiner mitbekommt, tolle Geschichten zu finden. Zudem finde ich es spannend, als Pressevertreter besondere Einblicke in Institutionen aller Art zu bekommen. Ich darf hinter die Kulissen blicken, Fragen stellen, egal ob sie angenehm oder unangenehm für mein Gegenüber sind. Insgesamt kann ich also guten Gewissens behaupten, mich für das richtige Berufsfeld entschieden zu haben.

Nur, wie steht es um die Zukunft des Journalismus – gerade im Bereich der Tageszeitungen? Ich denke, das Ende des Printjournalismus ist absehbar, und die Arbeit von Journalisten wird sich immer crossmedialer ausweiten. Sprich: Reporter werden nicht mehr einfach zu Terminen gehen und danach alles in den Computer tippen, sondern spielen ihren „Content“ auf mehreren Kanälen im Internet aus. Video-Reportagen, wie die von Formaten wie „follow me reports“ oder „strgf“, werden immer beliebter, und auch Podcast eroberten die Branche in den vergangenen Jahren im Sturm.

Ich denke nicht, dass überhaupt niemand mehr Zeitung lesen wird, aber die junge Generation verlagert ihren Konsum von Nachrichten auf YouTube, Instagram und Co. Daher ist es umso wichtiger, dass zukünftige Journalisten fit im Umgang mit den Apps und Programmen sind, die von den jungen Leuten genutzt werden. Andernfalls erreichen wir sie nicht mehr.

Simon Lehnerer, Domokos Szabó und Katarina Gust (von links) sitzen an einem tisch und beißen in einen Döner.
Simon (l.) sucht mit seinen Kolleg:innen Domokos Szabó und Katarina Gust den besten Döner in Pirna.

Hinter den Türen, die sonst verschlossen sind

Fionn Klose

Alles begann mit einer Kamera, die ich zum Aktionspreis in einem überregional bekannten Technikgroßhandel erwarb. Und einem Formular der Jugendpresse Sachsen. Ein paar Wochen später kam mein Jugendpresseausweis, genau an dem Tag, an dem Pegida eine große Kundgebung in Dresden ankündigte.

Ich ging dorthin, machte meine Fotos, veröffentlichte kleine Berichte über die Demo auf einem Blog. Die Anfänge meiner journalistischen Arbeit.

Mir hat das viel Spaß gemacht, das viele Rumrennen, mit Leuten auf allen Seiten reden, die Situation genau beobachten, Fotos machen. „Das mache ich mal beruflich“, dachte ich mir. Und jetzt sitze ich hier, als Volontär der SZ, recherchiere, schreibe meine Texte, suche mir Themen, rede mit vielen Leuten, mache ab und an noch Fotos und marschiere mit meinem Presseausweis durch Polizeisperren.

Das Schöne daran ist auch, dass Journalismus nicht nur Schreibtischarbeit ist. Man muss auch draußen vor Ort sein und mit eigenen Augen sehen, was passiert.

Und dann im Büro, am PC das Sprachrohr zur Welt sein. Das, was man gesehen hat, wiedergeben. Von Erlebnissen und Abenteuern erzählen, über die nicht so viele erzählen können. Denn auch das ist ein Grund, warum ich Journalist geworden bin. Es können sich einem Türen öffnen, die für die Allgemeinheit sonst verschlossen bleiben. Dann kann man dahinterschauen und einen eigenen Zugang für alle schaffen, indem man darüber schreibt. Finde ich schon sehr spannend.

Ich will auf jeden Fall weiter als Journalist arbeiten. Ich würde auch gerne mal dafür durch die Welt reisen, Reportagen schreiben, an Orte gehen, an denen es auch mal ungemütlich werden kann. Und auf Missstände aufmerksam machen. Aber leider, so denke ich, wird das Ganze nicht mehr lange in einer gedruckten Zeitung zu lesen sein.

Online first, so lautet das Stichwort. Find ich schon schade, weil ich es eigentlich immer cool fand, die Zeitung von meinen Eltern in der Hand zu haben und dann so zu tun, als verstünde ich alles, was drinsteht. Und dann schwarze Finger von der Druckerschwärze zu bekommen. Auch eine Sache, die mich zum Journalismus brachte.

Karla Kolumna 2.0

Lucy Krille

Mein Weg in den Journalismus begann indirekt schon mit den Hörspielen von Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen. Als Kind habe ich die Kassetten so oft angehört, bis das Band von der Spule fiel. Die Hexe und der Elefant leben in den Geschichten in einer kleinen Stadt. Immer dabei: die „rasende Reporterin“ Karla Kolumna mit ihrem roten Roller.

Als Jugendliche fiel mir die Berufswahl schwer, denn ich habe mich für vieles gleichzeitig interessiert. Dann kam mir wieder Karla Kolumna in den Sinn, denn die muss sich gar nicht entscheiden: Sie schlüpft jeden Tag in andere Rollen und lernt dabei auch noch immer wieder dazu. Als Journalistin ist sie mittendrin im echten Leben, egal ob Schule, Fußballstadion oder Rathaus.

Schnell war mir klar, dass Journalismus viel komplexer ist als „sennsationelll“ (Karlas Lieblingswort). Längst reicht es nicht mehr aus, bei Veranstaltungen oder Ereignissen dabei zu sein. Vielmehr müssen wir eigene Themen setzen, Debatten anregen und vor allem: zuhören. Gerade im ländlichen Raum ist die SZ oft die einzige Zeitung, an die sich die Menschen wenden können, wenn sie Fragen haben. Ungerechtigkeiten nachzugehen, auch das gehört zu unserem Job.

Dass unsere Texte in zehn Jahren noch in der Zeitung stehen, ist eher unwahrscheinlich. Aus ökonomischen und ökologischen Gründen ist das nachvollziehbar, auch wenn ich das Rascheln des Papiers zwischen den Fingern vermissen werde. Im Freundeskreis bin ich eine der wenigen, die noch Artikel auf Papier lesen. Selbst meine Eltern haben jetzt das E-Paper bestellt. Längst haben auch Podcasts, Reels und Newsletter den Markt erobert.

Aber mit der Zeitung ist es vielleicht wie mit meinen Bibi-Blocksberg-Kassetten: Sie werden langsam überholt, und damit müssen wir umgehen. Doch die Inhalte bleiben wichtig! Die meisten wollen doch wissen, was in der Welt und vor allem in ihrer Nähe passiert. Und auch, wenn mir noch keine Hexe und kein sprechender Elefant begegnet sind, hält die Region immer wieder spannende Geschichten bereit.

Drei Journalisten stehen vor dem Hauptbahnhof in Dresden und zeigen ihre 9 Euro Tickets
Lucy mit Henry Berndt (l.) und Martin Skurt vor einer Reportage zum 9-Euro-Ticket.

Mit Herzblut gegen die Maschinen

Moritz Schloms

Ich wollte Journalist werden, obwohl ich in der Schule bei Diktaten regelmäßig schlechte Noten kassierte. Meine Kommas waren überall, nur nicht an den richtigen Stellen. Journalist wollte ich trotzdem werden. Ich habe den Drang, immer Neues lernen zu wollen und meine Neugier zu stillen. Das kann ich mit der Arbeit als Journalist: Jeden Tag etwas Neues erleben und darüber berichten.

Mit der Zeit wurde meine Rechtschreibung besser, meine Kommas landeten immer öfter an den richtigen Stellen. Dafür musste ich viel Schreiben üben. Doch jetzt, so scheint es, war das alles umsonst.

Denn mittlerweile gibt es jemanden, der schneller schreibt als jeder Journalist: ChatGPT. Künstliche Intelligenzen wie der Chatbot sind mittlerweile so fortgeschritten, dass sie Texte verfassen können, die von echten Menschen geschrieben worden sein könnten.

Das wird nur der Anfang sein. ChatGPT schreibt und schreibt und schreibt. Eine Künstliche Intelligenz hat keine schlechten Tage, lungert nicht an der Kaffeemaschine rum und liefert Texte immer vor der Deadline ab, nie danach. Ein Traum für jeden Chef. Direkte Konkurrenz mit einer Künstlichen Intelligenz? Braucht es Journalisten noch?

Auch wenn KI-Systeme mittlerweile schneller schreiben als wir, so haben wir doch einen unschlagbaren Vorteil: Wir haben Herzblut und Leidenschaft für unseren Beruf. Wir lieben es, uns in Themen zu vertiefen, uns mit Menschen auszutauschen und ihre Geschichten aufzuschreiben. ChatGPT stellt keine kritischen Fragen, besucht keine Pressekonferenzen und liest auch keine Leserbriefe.

Aber die Möglichkeiten von ChatGPT werden den journalistischen Alltag verändern. Das bringt neue Herausforderungen, gerade für angehende Journalisten wie mich. Und wie wir mit den neuen Herausforderungen umgehen können, wird ChatGPT uns nicht beantworten können. Zum Glück sind wir neugierig. Wir werden es herausfinden.

Ein leeres Büro, animiert durch Bildgenerator Midjourney
Erfahrungsbericht

Chat GPT, schreib mir meinen Artikel!

Es ist noch gar nicht lange her, da wurde hier ein Blogeintrag darüber veröffentlicht, wie wir das Internet unterschätzt haben. Vier Jahre später gibt es nun ChatGPT, eine künstliche Intelligenz, die schlauer als das Internet sein soll. Und die noch mehr wissen soll, als Journalist:innen. Uns stellt sich damit schnell die Frage: „Sind wir nun überflüssig?“

Die Maschine wurde mit Unmengen an Daten gefüttert, damit sie auf noch so jede komische Frage eine Antwort geben kann. Aufsätze, Rezepte, Pro- & Contra- Listen – ChatGPT kann Ratschläge geben, die mit denen von echten Menschen locker mithalten können. Bildgeneratoren wie Midjourney malen uns außerdem verblüffende Bilder in allen denkbaren Stilrichtungen, die wir auch noch kostenlos nutzen können.

Bei einem Kurs in der Henri-Nannen-Schule sind wir der Frage nachgegangen, ob Chat GPT auch gute Texte schreiben kann. Um euch (und uns) gleich zu beruhigen: Nein wir sind natürlich nicht überflüssig. Zusammen mit der Schreibtrainerin Amelie Gräf haben wir den Chat mal gestartet. „Hi, wie kann ich dir helfen?“, fragt die KI. Wir antworten:

„Hi. Schreibe doch bitte eine Geschichte, in der ein Zelt und Kopfhörer vorkommen! Die Geschichte sollte nicht mehr als 3.000 Zeichen haben.“ Diese Übung macht Amelie Gräf in ihren Seminaren normalerweise nur mit Stift und Block (was übrigens ein ganz einfacher, aber wahnsinnig wertvoller Ansatz ist, um auf neue Ideen zu kommen und fokussiert zu arbeiten).

Nun ist aber die Maschine an der Reihe. Nach weniger als einer halben Minute hat Chat GPT eine Geschichte auf den Bildschirm gezaubert:

Es war ein lauer Sommerabend, als Luca und seine Freunde sich aufmachten, um ihr Zelt im nahegelegenen Wald aufzuschlagen. Mit Rucksack und Zelt auf dem Rücken machten sie sich auf den Weg, begleitet von der Musik, die Luca über seine Kopfhörer hörte.

Als sie den Wald erreichten, fanden sie einen schönen Platz am Ufer eines kleinen Sees. Luca und seine Freunde schlugen ihr Zelt auf und machten es sich darin gemütlich. Die Nacht war klar und der Sternenhimmel funkelte über ihnen.

Während seine Freunde sich um das Lagerfeuer versammelten, entschied Luca sich, alleine am Seeufer entlangzuschlendern. Mit seinen Kopfhörern im Ohr und der Musik im Hintergrund fühlte er sich frei und unbeschwert.

Als er den See erreichte, sah er, wie das Mondlicht auf der Wasseroberfläche funkelte und das Ufer in ein silbriges Licht tauchte. Luca setzte sich ans Ufer und starrte auf das Wasser. Die Musik in seinen Kopfhörern wurde leiser und er hörte das sanfte Rauschen der Blätter im Wind.

In diesem Moment fühlte Luca sich eins mit der Natur und mit sich selbst. Er schloss die Augen und lauschte dem Klang der Nacht. Es war ein Gefühl der Ruhe und des Friedens, das er in dieser Nacht gefunden hatte.

Als er zu seinem Zelt zurückkehrte, fand er seine Freunde schlafend vor. Luca kroch in seinen Schlafsack und zog seine Kopfhörer aus den Ohren. Er lag da und lauschte dem leisen Rauschen des Waldes, während er einschlief.

Die Nacht war kurz, aber er hatte das Gefühl, dass er in dieser Nacht mehr erlebt hatte als in vielen Nächten zuvor. Der Klang der Natur und die Musik in seinen Kopfhörern hatten ihn zu einem besonderen Ort gebracht, an dem er sich frei und unbeschwert fühlte.

Der Text ist grammatikalisch richtig und logisch aufgebaut. Doch ein bisschen liest er sich wie aus einem Kinderbuch. Botschaften zwischen den Zeilen? Spannende Pointen? Fehlen irgendwie. Auch, wenn wir der KI noch einen bestimmten Stil, eine andere Länge oder weitere Charaktere diktieren können, so kommt sie an diesem Vormittag dann doch nicht an die Geschichten heran, die die Kursmitglieder mit ihrem eigenen Hirnschmalz aufs Papier gezaubert haben.

Dazu kommt, dass die Maschine von den Informationen lebt, die der Mensch ihr gibt. Viele dieser Informationen bekommen wir aber nur durch Anrufe, das persönliche Gespräch oder Eindrücke vor Ort. Die KI ist ein Allrounder, aber die Expert:innen, das sind dann doch noch die Menschen, die sich intensiv mit einem Thema beschäftigen.

Wenn Chat GPT allerdings mit genügend Inhalten und einem erfüllbaren Auftrag gefüttert wird, dann kann sie eine Hilfe für uns sein. Pressemitteilungen umschreiben, Überschriften vorschlagen oder Statistiken auswerten – die Möglichkeiten werden größer.

Das sieht auch Chat GPT so. Auf die Frage, ob die Jobs im Journalismus künftig von der KI erledigt werden, gibt sie Entwarnung. „Letztendlich ist der Einsatz von KI-Sprachmodellen wie mir nicht dazu gedacht, menschliche Journalisten zu ersetzen, sondern ihre Arbeit zu ergänzen und ihre Produktivität zu steigern.“

Vier Volontäre und zwei ausgebildete Journalisten sitzen in einer Bar in der Dresdner Neustadt.
Erfahrungsbericht

Neue Volo-Power

Im Herbst vergangenen Jahres sank der Altersdurchschnitt bei der Sächsischen Zeitung auf einen Schlag. Gleich vier Volontäre und eine Volontärin starteten in ein neues Abenteuer. Von einem aufregenden Start zwischen Redaktion, Druckerei und Kneipe.

Nach einer kurzen Eingewöhnungszeit in den Lokalredaktionen trafen sich die „neuen“ und die „alten“ Volos zu einem gemeinsamen Streifzug durch die Welt der Sächsischen Zeitung. Zunächst mischten die fünf Neulinge gleich mal die Blattkritik auf: „Cooles Instaprofil, aber zu viele ‚Alte-Leute-Themen‘ bei der SZ“, so die Kernaussage.

Damit die Volos das nun besser machen können, lernten sie erst einmal alles über die Tricks des Onlinejournalismus und wie man eine eindrucksvolle Reportage schreibt. Wie das Ganze dann in die Zeitung kommt, wurde bei einem Druckereibesuch nachvollzogen.

Auch wenn die gedruckte Zeitung mittlerweile eher im Rentenalter ist, so ist sie noch immer bei vielen beliebt. Und seinen Charme hat das Knistern des Papiers ja irgendwie immer noch, oder? Dieser war definitiv auch im eher uncharmanten Keller unter dem Haus der Presse zu spüren. Dort unten schlummert das Archiv der Sächsischen Zeitung.

Hunderte Fotos, Zeitungen und Erinnerungsstücke laden auf eine kleine Zeitreise ein. Die Volos tauchten ab in frühere Jahrzehnte, als Redakteure rauchend in ihren Büros vor sich hinbrüteten und Texte noch per Rohrpost durchs Haus geschickt wurden.

Archiv-Mitarbeiter Jens Jahn beantwortete begeistert alle Fragen, auch wenn der eine oder die andere zugegebenermaßen nicht ganz auf der Höhe war. Schuld waren die Getränke am Abend zuvor. Gemeinsam mit den Co-Volobeauftragten Max und Franzi zog der „Nachwuchs“ bei einer Kneipentour durch die Neustadt. Die gemeinsame Zeit schweißte alle zusammen – und die neue SZ-Generation ist bereit. Hier erfahrt ihr mehr über unsere Volontärinnen und Volontäre. (lyk)

Ein Mann liest die Sächsische Zeitung und markiert mit einem Stift, was er liest.
Erfahrungsbericht

Was interessiert unsere Leserinnen und Leser?

Tim Ruben Weimer war kurz vor Ende seines Volontariats zu Gast bei den „Mehrwertmachern“. Dort prüfen Fachleute, welche Themen in der Zeitung auf Interesse stoßen – und welche nicht. Fernab vom Redaktionsalltag hat Tim so einiges für die Zukunft mitnehmen können. Ein Erfahrungsbericht.

Einen Monat lang keinen einzigen Artikel zu schreiben, das kann für einen Überzeugungs-Journalisten eine schwere Zeit werden. Dachte ich zumindest, als es im Zuge meines Volontariats für einen Monat zu den „Mehrwertmachern“ ging. Die Mehrwertmacher – das ist ein kleines Team vormaliger Redaktionsleiter, Datenanalysten, Entwicklern und Koordinatoren, die (derzeit noch) in einem Hinterhof um drei Ecken vom Dresdner Haus der Presse sitzen. Zusammen analysieren sie, wie gut die Artikel in der gedruckten Zeitung gelesen werden. Für die Online-Versionen unserer Artikel gibt es Clickzahlen, wir Journalisten schielen darauf, ob unser Artikel vielleicht einen Abonnenten angeworben hat, und bei den Social Media-Beiträgen analysieren wir die Reichweite. Die Mehrwertmacher machen das für die gedruckte Zeitung. Und ziehen Ratschläge für die jeweilige Redaktion daraus.

Ich merkte schnell: Fast macht es noch mehr Spaß, die Artikel anderer Kollegen zu kritisieren (natürlich nur solcher, die ich persönlich nicht kannte) als selber Artikel zu schreiben. Dafür schaute ich mir die aktuelle Ausgabe einer Zeitung an. In meinem Fall war das die Siegener Zeitung, die hatten nämlich gerade eine „Messphase“ bei den Mehrwertmachern laufen. Jeder Artikel bekommt automatisch zwei Werte zugewiesen: Einen Blickwert und einen Durchlesewert. Beide Werte generieren sich aus einer ausgewählten Gruppe von Lesern, die mit einem „Lesestift“ ausgestattet wurden und jeden Morgen (oder Abend) die Artikel scannten, die sie gelesen hatten. Anhand von Blick- und Durchlesewert konnten wir nun sehen, ob ein Artikel gelesen wurden und wenn ja, bis zu welcher Stelle.

Anhand dieser beiden Werte lernte ich schnell Zusammenhänge kennen: Die klassische Berichterstattung von Vereinssitzungen, die von manchen Zeitungen noch praktiziert wird, interessiert die Leser kaum noch. Und auch Konzertrezensionen und Berichte von Fußballspielen haben es schwer – wenn sie nicht mit einem besonders interessanten und ungewöhnlichen Dreh aufschlagen. Auch wenn der neue Vorsitzende von Verband xyz zu Besuch ist, geht das den Lesern meist erst einmal gehörig am A.. vorbei. Generell ist die Überschrift immens wichtig und muss den Kern des Textes auf den Punkt bringen, im besten Fall zusammen mit dem Vorspann noch irgendwie eine unaufgelöste Pointe vollbringen, damit der Leser unbedingt in den Text einsteigt.

Hohe Anforderungen an die Reporter. Und oft genug merkte ich selber, dass ich das Niveau an Leseransprache, das ich bei meinen vormittäglichen Artikel-Analysen kritisierte, selber nie leisten könnte. Das Wort, das im Gespräch mit den Redaktionscoaches am Häufigsten fiel, war sicherlich „Leserperspektive“. Was interessiert den durchschnittlichen Leser an dem Thema? Wenn ich am Wochenende auf den Herbstmarkt gehe – will der Leser dann wirklich eine bloße Nacherzählung meines Spaziergangs von Stand zu Stand lesen? Oder finde ich vielleicht doch die kleine, besondere Geschichte, die es all die vorigen Jahre so noch nicht gegeben hat?

Bei den Mehrwertmachern sind die Redaktionscoaches höchst routiniert. Sie haben langjährige Erfahrungen mit eigenen Redaktionen gemacht und wissen genau, was bei den Lesern funktioniert und was nicht. Manchmal hatte ich das Gefühl, die Messwerte dienten ihnen eigentlich nur als Beweismittel, die Schlüsse hätten sie aber auch ohne die Zahlen treffen können.

Eine Kategorisierung, die mir völlig neu war, betraf die Unterteilung der Artikel in Muss-Themen, Kann-Themen und Soll-Themen. Ohne die Muss-Themen gelesen zu haben, kann der Zeitungsleser nicht ins Bett gehen. Bauarbeiten, Preiserhöhungen oder der Bombenfund vor seiner Wohnungstür – die Themen betreffen den Alltag des Lesers unmittelbar. Bei den Soll-Themen hätten wir Journalisten gerne, dass der Leser die betreffenden Artikel liest. Im Endeffekt geht es bei diesen Artikeln aber nur darum, gut informiert zu sein und bei (oftmals politischen) Diskussionen mitreden zu können. Beim Leser muss also schon ein gewisser Anspruch an sich selbst vorhanden sein, um diese Artikel zu lesen. Und bei den Kann-Themen ist es dann völlig willkürlich, ob ein Artikel nun gelesen wird oder nicht. Manchen interessiert halt die Arbeit der örtlichen Vogelschutzstation, andere nicht. Auf keine dieser Themen sollte eine gute, abwechslungsreiche Zeitungs-Ausgabe verzichten, aber die Muss-Themen, die wirklich alltagsrelevanten Themen, sollten den Großteil des Platzes füllen. Aber sind wir mal ehrlich: Kaum einer von uns hat so ein gutes journalistisches Gespür, jeden Tag nur Muss-Themen zu produzieren. Den Großteil der meisten Zeitungen füllen immer noch Kann- und Muss-Themen. Die Berichte von Vereinen, Ratssitzungen, neu eröffneten Geschäften oder Tanzabenden.

Für mich habe ich aus meiner Zeit bei den Mehrwertmachern die Lehre gezogen: Überlege, was das was du gerade schreibst, für das Leben der Menschen bedeutet. Wir Journalisten überschätzen die Bedeutung unserer Worte viel zu häufig. Die großen, politischen Diskussionen mögen viele interessieren, aber in erster Linie sind wir Journalisten Lebensberater. Wir geben den Lesern die Informationen, die sie für ihren Alltag wirklich brauchen. Zumindest im Lokaljournalismus funktioniert das so, aber ich bin der Meinung, dass auch in der Politik, im Feuilleton oder im Sport Lesernähe möglich ist. Und wenn es dann statt um den neuesten Spielertransfer bei Dynamo Dresden einfach mal um die Parkplatzsituation vor dem Stadion geht, hat das nichts mit Niveaulosigkeit oder einem Downgrade des journalistischen Anspruchs zu tun. Es zeigt, dass wir uns um unsere Leser kümmern.

Als Volo eine Station bei den Mehrwertmachern einzulegen, kann ich nur jedem empfehlen. Mit Datenjournalismus – wie ich mir das im Vorhinein vorstellte – hatte der Monat tatsächlich wenig zu tun. Stattdessen war jeder Tag eine Praxislektion an journalistischem Handwerk – ohne sich dabei selber auf den Schuh gedrückt zu fühlen. Ach, und das Beste habe ich vergessen: Die Mehrwertmacher sind so hipp, dass es im Büro Cola for free gibt! 😉

Das Bild zeigt eine Kombination aus einem Porträt von Fionn Klose, Praktikant bei der Sächsischen Zeitung, und einem Bild von der Gegendemo zum Afd-Parteitag in Riesa
Erfahrungsbericht

Der „Call of Duty“ des Fionn

Längst vergangene Demonstrationen wurden Geschichtsstudent Fionn Klose schnell zu öde. Lieber will er sie selbst erleben! Ein Praktikum in der Politikredaktion der SZ ist da genau das Richtige, denkt sich Fionn – und er hat Recht. Hier schreibt er über seine Erlebnisse und zieht Halbzeitbilanz.

Bevor ich an meinem ersten Praktikumstag ins Haus der Presse gehe, muss eine Beruhigungszigarette auf jeden Fall noch sein. Und eine Flasche Wasser vom Bäcker. Ich bin wirklich sehr nervös und die ganze Zeit dreht sich ein Gedankenkarussell in meinem Kopf: Mit welchen Leuten werde ich da zu tun haben? Was für Aufgaben kommen auf mich zu? Das sind nur einige Fragen, die da auf dem Karussell ihre Runden drehen.

Doch als ich in die Politikredaktion der Sächsischen Zeitung eintrete und mich schon einige RedakteurInnen und die Sekretärin sehr freundlich begrüßen, legt sich die Nervosität erstaunlich schnell wieder. Ich werde zum Büro eines Kollegen geführt, der gerade im Urlaub ist. Holla die Waldfee, ich mach ein Praktikum und hab mein eigenes Büro. Das ist schon mal kein schlechter Anfang.

Und dann geht es auch schon los mit der ersten Aufgabe. „Geh mal die Zeitungen der letzten Tage durch und suche dir ein Thema, das du bearbeiten willst.“, sagt meine Chefin zu mir. Alles klar! Seit Beginn meines Praktikums recherchiere ich nun zum Thema Studienabbruch. Und das wirklich komplett selbstständig mit Interviews, Terminvereinbarungen und eigener Recherchearbeit. Ich hole Wasser und Kaffee, aber nur für mich selbst. Ich denke, dass das jetzt das Thema ist, mit dem ich mich die gesamten sechs Wochen beschäftigen werde. Aber weit gefehlt.

Schon am zweiten Tag gehe ich mit zu einer Pressekonferenz in die Staatskanzlei. Es geht um die „Konsolidierung von Förderprogrammen und Weiterentwicklung der sächsischen Förderstrategie“. Ein Thema, was für mich als Unwissender auf jeden Fall nicht so spannend ist wie für die Kollegen, von denen manche wirklich auf heißen Stühlen sitzen. Aber es ist schon interessant, im Medienzentrum der Staatskanzlei zu sitzen und beobachten zu dürfen, wie Martin Dulig ausgefragt wird.

Am 18. Juni fahre ich dann zur Gegendemo zum AfD-Bundesparteitag in Riesa. Bei gefühlten 60 Grad im Schatten bin ich schon neidisch auf die KollegInnen, die da gerade in der klimatisierten Halle sitzen. Ich ziehe mit meiner Kamera und zwei Kollegen aus der Lokalredaktion los und wir begleiten die Demo. Am Ende kann ich sogar noch ein paar Informationen von meinem Notizblock in den Artikel schreiben. Natürlich ist es auch echt cool mit polizeilichem Segen in einen Bereich zu kommen, den nur Pressevertreter betreten dürfen.

In der nächsten Woche bekomme ich den Auftrag, zu einer Pressekonferenz des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs zu gehen und darüber zu berichten. Und dann schreibe ich auch schon meinen ersten Artikel, der auch in der Printausgabe veröffentlicht wird. Einen Tag später schiebe ich sogar noch einen Kommentar zum Thema Ausbau des Radverkehrs in Sachsen hinterher. Stolz wie Bolle rufe ich meine Mutter an, die sich sogleich eine Zeitung kauft. Danach schreibt sie mir eine Mail, in der sie mich für die gute Rechtschreibung und Grammatik lobt. Sogar die Kommasetzung würde stimmen.

Neben dem Text zum Studienabbruch schreibe ich jetzt noch einen Artikel über die Flüchtlingssituation in Sachsen. Meine ersten drei Wochen sind echt interessant und ich bin gespannt, welche Themen in den nächsten drei Wochen folgen. Ich weiß schon jetzt, Journalismus ist meine Berufung. Mein ganz persönlicher „Call of Duty“.


Ein Stapel Zeitungen liegt auf einem Tisch.
Erfahrungsbericht

Die Geschichte meines Volos

In zwei Jahren Volontariat entstehen viele spannende, bewegende und wichtige Artikel. Doch manche Texte bleiben einem dauerhaft im Gedächtnis. Deshalb stellen einige (ehemalige) Volontär*innen diese Geschichten hier vor – Angelina beginnt.

Ein kleiner, manchmal blasser, zweiter Streifen hat die Macht, das Leben einer Frau für immer zu verändern. Zumindest, wenn er auf einem Schwangerschaftstest erscheint. Während er für viele Frauen absolutes Glück und die Freude auf ein Baby bedeutet, kann er sich für andere Schwangere wie eine große Katastrophe anfühlen. Er kann der Anfang einer Erfahrung sein, die Frauen oft ihr ganzes Leben lang begleitet. Zumindest glaubt keine der Frauen, mit denen ich für meinen bisher wichtigsten Text gesprochen habe, dass sie irgendwann aufhören werden, an ihren Schwangerschaftsabbruch zu denken. Genau deshalb ist mir dieser Text auch so wichtig. Genau deshalb habe ich weiterrecherchiert, obwohl ich oft das Gefühl hatte, dem Thema vielleicht noch nicht gewachsen zu sein.

In meiner bisher aufwändigsten Recherche habe ich mich damit auseinandergesetzt, ob es überall in Sachsen möglich ist, eine ungewollte Schwangerschaft einfach und sicher abzubrechen. Auf die Idee, bin ich durch eine Geschichte im Tagesspiegel gekommen. In dem Text beschreibt eine Frau aus Bayern ihren Schwangerschaftsabbruch und all die Hürden, die ihr dabei begegnet sind. Aus anderen Artikeln zum Thema Schwangerschaftsabbruch wusste ich bereits, dass es in einigen Regionen (Süd-)Deutschlands schwierig sein kann, einen Arzt oder eine Ärztin dafür zu finden.

Ich habe mich deshalb gefragt, wie die Versorgungslage in Sachsen wohl ist. Also habe ich mir zunächst die Liste der Bundesärztekammer angesehen, in der sich alle Gynäkolog*innen eintragen können, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Allerdings ist diese Liste nicht vollständig und oft wird auch nicht erwähnt, welche Methoden die Arztpraxen und Kliniken anbieten. Also habe ich bei der Landesärztekammer aber auch bei einer Vielzahl von Beratungsstellen nachgefragt, wie sie die Versorgungslage in Sachsen beziehungsweise ihrer Region einschätzen. Schnell wurde klar: Ganz so schlecht wie in Bayern ist die Lage in Sachsen nicht. Verbesserungsbedarf besteht dennoch.

Ich wollte für meine Recherche unbedingt mit Frauen sprechen, die bereits eine Schwangerschaft in Sachsen abgebrochen haben. Deshalb startete ich einen Aufruf auf Social Media. Tatsächlich konnte ich mit mehreren Frauen persönlich über ihre Erfahrungen sprechen. Dass diese Frauen mir diese sehr intimen und emotionalen Geschichten anvertraut haben, war für mich eine große Ehre.

Vor dem Aufschreiben des fertigen Textes hatte ich großen Respekt. Ich sorgte mich, dem komplexen und kontroversen Thema nicht gerecht zu werden oder nicht neutral genug an die Sache herangegangen zu sein. Schließlich entschied ich mich dazu, meinen Text an der Geschichte einer der Frauen aufzuhängen, die mit mir gesprochen haben. Ihre Geschichte zeigte am besten, was für Schwangere in dieser Situation am wichtigsten ist. Das bedeutete gleichzeitig, dass ich andere Geschichten weglassen musste, was mir nicht leicht viel. Auch konnte ich aufgrund der schieren Menge an Informationen und Aspekten nicht alle meine Rechercheergebnisse in dem finalen Text unterbringen. So ist das aber oft. „Kill your Darlings!“, das wurde uns in der Henri-Nannen-Schule immer wieder eingebläut. Das bedeutet, dass man sich von Informationen und Geschichten trennen muss, auch wenn sie spannend sind, wenn ein Artikel dadurch an Verständlichkeit und Struktur gewinnt.

Im Nachhinein bin ich trotzdem froh, mir diese Recherche zugetraut zu haben. Denn von mehreren Beratungsstellen und Organisationen habe ich die Rückmeldung bekommen, dass er die Versorgungslage in Sachsen gut zusammenfasst und sie ihn als Referenz zu diesem Thema verwenden werden. Außerdem hat er mir gezeigt, dass man auch als eher unerfahrene Journalistin über ein komplexes und kontroverses Thema schreiben kann, wenn man sich wirklich reinhängt und genug Unterstützung von der Redaktion erhält, für die man gerade arbeitet.

Wer jetzt Lust bekommen hat, meinen Text zu lesen, der kann das hier tun:

Das Rathaus in Freital.
Erfahrungsbericht

Drei Monate Paartherapie

Angelina hat einen Sommer lang für die Lokalredaktionen in Freital und Pirna gearbeitet. Dabei hat sie gemerkt, dass ihre Liebesbeziehung zum Lokaljournalismus auch Krisen übersteht.

Ich verliebe mich leicht und oft. Doch nur selten wird aus meinen Schwärmereien eine ernsthafte Beziehung. Wenn ich mich aber auf eine Partnerschaft einlasse, dann hält diese für viele Jahre.

Und doch hat bisher keine meiner Beziehungen so lange gehalten, wie meine Liebe zum Lokaljournalismus – nämlich ganze sechs Jahre. Das ist kein Wunder, schließlich habe ich viel in die Beziehung investiert. Im Studium habe ich mehr gearbeitet als studiert. Außerdem bin ich für den Journalismus in viele deutsche Städte und sogar ins Ausland nach Tschechien gezogen. Doch diesen Sommer hat die kleine Stadt Freital meine Liebe auf ihre bisher härteste Probe gestellt:

Der erste Artikel, mit dem mich mein neuer Chef in Freital beauftragt hat, war ein echter Lokaljournalismus-Klassiker: die Eröffnung der Freibad-Saison. Darüber hatte ich auch in der Vergangenheit schon geschrieben. Dementsprechend selbstbewusst habe ich mich also auf den Weg ins Freibad gemacht. Dort angekommen merkte ich jedoch schnell, dass ich mich wohl überschätzt hatte. Denn obwohl ich mich angekündigt hatte und wirklich freundlich war, hatten die Bademeister vor Ort so gar keine Lust, mit mir über ihre Arbeit zu sprechen.

Sie wollten nicht in der Zeitung erwähnt werden. Dabei ging es ja nur um die Reinigung von Becken und Liegewiesen und nicht um ihre Einschätzung des Nahostkonflikts.  Zu groß war das Misstrauen gegenüber den Medien und damit auch mir. Außerdem kannten sie mich nicht. Ich war neu in Freital und das sah man mir wohl an. Denn auch der Fotograf, der wenig später hinzukam, fragte: „Du bist nicht von hier, oder?“

Trotzdem hat er mir geholfen. Gemeinsam konnten wir den Bademeister-Azubi davon überzeugen, sich fotografieren zu lassen. Außerdem stimmte einer seiner Kollegen am Ende zu, ihn mit Vornamen zitieren zu dürfen. Ich hatte also alle Informationen, die ich für den Artikel brauchte und war trotzdem ziemlich gefrustet.

Szenen wie diese wiederholten sich. Ein Autohaus-Inhaber wollte nicht mit mir über seine neu installierte E-Ladesäule sprechen. Dabei kann so ein Zeitungsartikel ja durchaus für nützliche Aufmerksamkeit sorgen. Irgendwann begann ich wirklich an mir selbst zu zweifeln. Spreche ich die Leute nicht richtig an? Komme ich falsch rüber? Was kann ich ändern? All diese Fragen kreisten in meinem Kopf. Schließlich kam auch ein-, zweimal der Gedanke auf, ob ich hier überhaupt richtig bin.

Zweifel, die kann und sollte man immer haben. Doch eine langjährige Beziehung deshalb einfach aufzugeben, das kam für mich nicht infrage. Also bat ich meinen Chef um Tipps für die Ansprache von möglichen Protagonist*innen. Ich überlegte mir eigene Themen und schrieb fleißig große und kleine Texte. Ich testete die Freitaler Imbisse auf ihr vegetarisches Angebot, begleitete Kinder zu ihrem ersten Schwimmkurs nach dem Lockdown und traf eine Klimaaktivistin zum Interview.

Und dann kam Marcus Loesdau, ein junger Rettungssanitäter, der nach Feierabend jede freie Minute bei der Freiwilligen Feuerwehr in Freital arbeitet. Eine wirklich interessante Persönlichkeit, die ihr ganzes Leben der Rettung von Menschen widmet. Ohne meinen Job hätte ich Marcus Loesdau nie kennengelernt und damit hätten ich und viele Leser*innen eine wirklich spannende Geschichte verpasst. Spätestens da wurde mir wieder bewusst, warum ich den Lokaljournalismus so liebe: Weil die besten Geschichten meist gleich nebenan passieren. Man muss sie nur suchen und erzählen.

Erfahrungsbericht

Darum wollen wir Journalist*innen werden

Sieben junge Frauen und Männer werden zurzeit
bei der SZ zu Redakteur*innen ausgebildet. Ihr zweijähriges Volontariat führt sie durch alle Ressorts der Zeitung. Hier erklären sie, was sie sich von ihrem Beruf versprechen.

Timotheus Eimert

Vor 30.000 Leuten

Einmal vor 30.000 Menschen Fußball spielen – das ist der Traum eines jeden Fußballjungen. So auch meiner. Doch irgendwann musste ich feststellen, dass meine Qualitäten nicht für
ein Spiel im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion ausreichen. Dass ich heute dennoch manchmal vor 30.000 Menschen arbeiten darf (wenn nicht gerade Corona ist), habe ich einem Zeitungspraktikum zu verdanken. Ein Montagabendspiel in der 2. Bundesliga zwischen Dynamo Dresden und Fortuna Düsseldorf vor neun Jahren hat den Grundstein für eine Karriere im Journalismus gelegt. Heute berichte ich nicht nur über Dynamo-Spiele, sondern schreibe über fehlende Sporthallen, neue Buslinien, Kitas und Gesundheitsämter, die bei Corona-Inzidenzen tricksen. Kein Tag ist wie der andere. Täglich lerne ich neue Menschen kennen. Welcher Beruf bietet solche Vielfalt? Auf Sächsische.de kann ich zwar schneller und aktueller berichten als in der Zeitung, dennoch möchte ich Lesern vor allem Orientierung bieten. Verlässliche Informationen und gut recherchierte Texte. Gerade dafür brauche ich eine gute Ausbildung.

Erik-Holm Langhof

Alles hinterfragen

Ich war 15, als ich bei der Sächsischen Zeitung als Praktikant angefangen habe. In der Lokalredaktion Zittau habe ich gelernt, wie wichtig es ist, über regionale Themen zu schreiben und mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Das hat sich auch die folgenden Jahre so gehalten, weshalb ich 2019 als Volontär in der Lokalredaktion Döbeln gestartet bin. Für mich hat der Journalist eine wichtige Aufgabe: schwierige, interessante Themen möglichst leicht verständlich, wahrheitsgetreu und objektiv für Leser, Hörer oder Zuschauer aufarbeiten. Vor allem in der heutigen medialen Zeit wird diese Aufgabe immer wichtiger. Nicht zuletzt deshalb setze ich mich dafür ein, dass Falschmeldungen verhindert werden und sich qualitativer Journalismus auch weiterhin durchsetzt. Kritisch sein, Dinge hinterfragen, Nachrichten gut aufarbeiten und Menschen zu Wort kommen lassen – das ist mein Ziel als Redakteur, das ich täglich verfolge und auch in Zukunft verfolgen möchte. Egal, ob in Print, online oder den sozialen Netzwerken.

Marvin Graewert

Nimm das, Zuckerberg!

Häufiger werde ich gefragt, warum ich ausgerechnet bei einer Zeitung arbeite: Das nervige Rascheln, das unhandliche Format und für Menschen geschrieben, für die
meine Großeltern im Bus aufstehen würden. Warum die SZ, wenn ich auch für Joko Winterscheidts JWD-Magazin oder den Spiegel-Online-Ableger bento arbeiten könnte. Aus heutiger Sicht ist die Antwort einfach: Beide wurden eingestellt.
Tatsächlich lässt sich in einer Zeitungsredaktion beides vereinen: Ruhe für gut recherchierte Texte und Spielwiese für neue Erzählformate. Das spannende Leben der Menschen um uns herum kennenzulernen und aufzuschreiben, macht unglaublich viel Spaß. Dass sich damit auch junge Leser begeistern lassen, zeigen regelmäßige Experimente in meiner WG-Küche: Auch
wenn es niemand zugeben würde, greifen morgens alle nach der Zeitung. Jeder liest sich an irgendeiner Stelle fest, zumindest so lange, bis ich mit Block und Stift unter dem Küchentisch hervorspringe und kreische: „Nimm das, Marc Zuckerberg!

Angelina Sortino

Auch Spießer sind spannend

Dass ich Journalistin werden möchte, habe ich während meines ersten Praktikums bei einer süddeutschen Lokalzeitung gemerkt. In meinem ersten Text, der in dieser
Zeitung abgedruckt wurde, ging es um eine knapp zwei Meter hohe Pflanze im Garten eines Rentners – zugegebenermaßen kein Thema, das die Welt bewegt. Dennoch
merkte ich schnell, dass selbst die etwas spießige Kleinstadt, für die meine Redaktion verantwortlich war, voller spannender Menschen und Geschichten steckte, die ich unbedingt erzählen wollte. Das ist auch der Grund dafür, dass ich nach mehreren Praktika bei überregionalen Medien immer wieder gern zum Lokaljournalismus zurückgekehrt bin. Denn obwohl es natürlich auch spannend und wichtig ist, sich mit großen gesellschaftlichen Problemen und Zusammenhängen auseinanderzusetzen, beeinflussen die lokalen Ereignisse den Alltag von uns und unseren Lesern einfach am meisten. Ich werde Journalistin, weil ich die Geschichten von den Menschen erzählen will, denen sonst nicht genug zugehört wird. Ich wünsche mir, dass meine Texte die Leser berühren, wütend machen und zum Nachdenken anregen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass mir mein Job einfach unglaublich viel Spaß macht, und das allein ist eigentlich schon Grund genug, um Journalistin zu werden.

Tim Ruben Weimer

Das Buch muss warten

Schon als Kind hatte ich den Wunsch, ein Buch zu schreiben. Ich fing an, mir Geschichten und Figuren auszudenken. Aber schon nach den ersten Seiten gingen mir die Ideen aus. Meine Geschichten waren viel zu „normal“, als dass sie jemand lesen würde.
Der Wunsch nach einem eigenen Buch blieb, bis heute. Doch inzwischen sind aus den Geschichten echte Begegnungen und aus den Figuren reale Personen geworden. Was ich mir vergeblich auszumalen versuchte, erlebe ich heute im echten Leben. Mit einem Senner stand ich morgens vor Sonnenaufgang auf, um Ziegen zu melken. Ich verbrachte ganze Nachmittage im stinkenden Dachzimmer eines „Reichsbürgers“. Das echte Leben ist häufig viel spannender als die Fantasie. Gleichzeitig weiß ich: Meine Geschichten konstruieren Realität. Meinen Lesern bin ich schuldig, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen.
Jeden Tag in einem neuen Thema vom Amateur zum Experten zu werden, darin liegt für mich der Reiz des Journalismus. Und vielleicht wird es ja eines Tages doch noch was mit meinem Buch mit „wahren“ Gesichten.

Luisa Zenker

Keine halbe Wahrheit

„Schreiben Sie bitte nicht so schlecht über uns.“ Das sagte mir kürzlich ein Sprecher des Essenslieferdienstes Lieferando, der für seine Arbeitsbedingungen in der Kritik stand. „Ich schreibe nicht schlecht“, versicherte ich, „sondern ehrlich.“
Viele Affären wären nicht aufgedeckt worden, hätten Journalisten und Journalistinnen nicht gründlich recherchiert. Solche, die selbst Themen setzen, andere Stimmen zu Wort kommen lassen und bei alledem den lokalen Alltag nicht vergessen.
Genau das möchte ich lernen, hier bei der Sächsischen Zeitung. Ob Stadträtin, Landtagsabgeordneter oder Geschäftsführerin – sie alle treffen wichtige Entscheidungen, deshalb sollte man ihnen besonders auf die Finger schauen. Denn was würde passieren, wenn kein Journalist mehr den Dresdner oder Freitaler Stadtrat kommentiert? Und um noch mal zum Anfang zurückzukommen: Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der nur halbe Wahrheiten über die Arbeitsbedingungen in großen Unternehmen veröffentlicht werden.

Martin Skurt

Zu viel Glutamat

Immer, wenn ich Chinesisch esse, fühle ich mich schlapp. Ich dachte lange, das liegt am Glutamat. Doch nach einer kurzen Recherche bin ich auf das Chinese Restaurant Syndrom gestoßen. US-amerikanische Ärzte beschrieben Ende der 1960er-Jahre genau meine Symptome. Mittlerweile weiß man jedoch, dass der Begriff eher den Rassismus von damals ausdrückt. Ob Glutamat Beschwerden auslöst, ist bis heute umstritten. Vielleicht esse ich nur immer zu viel davon. Was ich mit diesem kleinen Beispiel sagen will? Ich recherchiere unheimlich gern. Vertreibe mir ohne Probleme stundenlang in Online-Medien und Foren die Zeit. Als Journalist will ich digitale Kanäle verstärkt nutzen, relevante Informationen filtern und dabei interessante Geschichten aufstöbern sowie erzählen . Deshalb bin ich glücklich, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Das Spannendste ist dabei häufig der Weg zur Geschichte. Recherche eben. Die Recherche sei die Kür des Journalismus, heißt es manchmal. Ich sehe sie vielmehr als Pflicht. Gerade, weil Medien mit Glaubwürdigkeitsproblemen kämpfen.

Erfahrungsbericht

Was macht eigentlich ein Journalist im Lockdown?

Tim Ruben Weimer hat bisher beinahe seine gesamte Zeit bei der SZ im Homeoffice gearbeitet. Mit diesem Text zieht er ein Zwischenfazit.

Ein Reporter muss rausgehen zu den Menschen, er muss beobachten, live dabei sein, wenn Dinge passieren, er soll die Welt des normalen Durchschnittsbürgers genauso kennen wie den Alltag eines Politikers, muss fragen und dazwischen haken. Was aber, wenn sich das Leben der Menschen plötzlich nur noch in den eigenen vier Wänden abspielt, und – noch viel schlimmer – ich selber den Fuß auch nicht mehr vor die Tür setzen darf? Was macht ein Journalist im Lockdown?

Mein ehemaliger Redaktionschef erklärte mir in fast jedem unserer Gespräche, ich käme in einer besonderen Zeit. Im Oktober 2020 habe ich mein Volontariat bei der Sächsischen Zeitung begonnen, im November kam der bis heute andauernde Lockdown der zweiten Welle. Corona hat auch unseren Alltag verändert. Im „Haus der Presse“ herrscht kaum Betrieb, die Kantine ist menschenleer, im Erdgeschoss wurde ein Testzentrum eingerichtet. Die meisten Journalisten arbeiten im Homeoffice, meine Kollegen feierten letztens ihr einjähriges „Absenzjubiläum“ – mit einem kurzen Eintrag in unserem internen Chatforum und einem Bier-Emoji. Auch ich arbeite seit Anfang November im Homeoffice.

Komme ich in einer besonderen Zeit? Für meine Kollegen mag das vielleicht so wirken, für mich aber war es fast von Anfang an mein neuer, normaler Arbeitsalltag. Das tägliche Meeting über Teams ersetzt die Redaktionssitzung, die ich in Präsenzform noch nie miterlebt habe. Absprachen werden meistens über WhatsApp getätigt, es gab Tage, an denen ich den ganzen Tag keine einzige Stimme hörte – und das als Journalist!

Von den Kollegen meiner derzeitigen Volontariatsstation, an der ich seit Februar 2021 arbeite, habe ich nicht einen einzigen je „im echten Leben“ getroffen, eigentlich weiß ich von niemandem so recht, wie er oder sie tickt. Wenn ich mit jemandem über den Chat einen Scherz mache, besteht immer die Gefahr, dass mein Gegenüber meine Art von Scherzen überhaupt nicht versteht. Manch einen Kollegen hatte ich eine Zeit lang noch nicht einmal virtuell kennengelernt. Eine Vorstellung von ihm baute sich bei mir trotzdem auf – über die Farbe des Chat-Avatars, über seine Ausdrucksweise in den getippten Diskussionen, über die Smileys, mit denen er andere Beiträge kommentiert. Als er dann plötzlich erstmals in einer Videokonferenz auftauchte, brach meine bisherige Vorstellung von ihm zusammen. Ein bisschen wie auf Facebook, wo man auch (viel zu) schnell meint, andere Nutzer nur aufgrund deren Kommentare gut zu kennen. Manchmal stellt sich für mich die Frage: Werde ich bei meinen Kollegen eigentlich überhaupt irgendeinen Eindruck hinterlassen? Nehmen sie mehr von mir wahr als nur meinen Namen? Werde ich mich nach Corona noch einmal ganz neu vorstellen und etablieren müssen?

Meistens überwiegen die Nachteile in der Diskussion um die Arbeit im Homeoffice. Und auch bei mir muss ich sagen: Der strukturierte Arbeitstag, den ich in meinem einzigen Monat in eingeschränkter Präsenzarbeit noch kennenlernen durfte, ging mir schnell verloren. Auch in meiner Mittagspause bin ich nie ganz offline und luge mit einem Auge noch auf aktuelle Nachrichten, die gerade reinkommen – ich könnte ja gebraucht werden. Insgeheim bewundere ich aber manchen Kollegen, dessen Statusanzeige sich immer pünktlich zur Pause konsequent offline schaltet. Andererseits dauert es aber manchmal auch gefühlte Ewigkeiten, bis ein vorgeblich anwesender Kollege mir endlich in einer dringenden Sache antwortet. Im Büro hätte ich einfach kurz schauen können: Ach, er ist kurz auf dem Klo, dann gedulde ich mich noch kurz mit meiner Frage. So stehe ich dagegen häufig im digitalen Nirwana und suche verzweifelt nach einem Ausweg.

Was macht ein Journalist nun im Lockdown? Glücklicherweise lernen wir Volontäre nicht nur das reine Recherchieren und Schreiben von Artikeln. Es gibt auch Aufgaben, die sich problemlos im Homeoffice erledigen lassen, wie zum Beispiel das Verwalten von Social-Media-Kanälen, das Erstellen von Newslettern oder das Beantworten von Leserbriefen. Und selbst das Kerngeschäft, die Recherche, lässt sich erstaunlich gut vom heimischen Telefon aus betreiben. Was aber häufig wegfällt, sind die weichen, sozialen Komponenten der Geschichten. Wenn ein Protagonist zum Beispiel über ein besonderes Ereignis in seinem Leben spricht, dann wählt er dafür am Telefon andere Worte als bei einem Treffen bei Kaffee und Kuchen. Wenn er ungern über etwas sprechen möchte, dann lässt er sich am Telefon nur schwer umstimmen. Wer nicht gerne mit Journalisten spricht, kann mich am Telefon einfach wegdrücken, bevor ich ihm die Sache etwas verständlicher machen kann. Und die kleinen, subtilen Gesichtsregungen, die bei spannenden Gesprächen häufig die besondere Note geben (à la „er lächelte verschmitzt“), fallen komplett weg. Meine Artikel sind dadurch nicht etwa versachlicht, aber entmenschlicht worden. Protagonisten sind zu bloßen Informationsquellen geworden.

Ich gebe zu, die Gespräche bei Kaffee und Kuchen hat es natürlich trotz Lockdown gelegentlich gegeben. Vorneweg aber immer die Diskussion: Ist das Gespräch wirklich nötig, wo ist es luftig genug, dass wir uns treffen können, aber trotzdem nicht eisig kalt, und wie machen wir das mit der Maske? Und nein, nicht immer habe ich da die vorsichtigste Variante gewählt. Meine journalistische Neugier hat regelmäßig über meine Vernunft gesiegt, um dann im Nachhinein wieder kleinlaut beizugeben: Hoffentlich habe ich niemanden angesteckt.

So neu und schwierig der Lockdown für uns alle ist, eins muss ich doch feststellen: Manche Artikel hätte ich im „normalen“ Arbeitsalltag vermutlich nicht fertigstellen können. Ich habe das Privileg, eine eigene Wohnung zu haben, in der es still ist, wenn ich mich konzentrieren möchte. Wenn es an der Zeit ist, alle Fakten zusammenzutragen und einen Text zu formulieren, dann schaue ich gerne mal aus dem Fenster und beobachte für einen Moment die Leute unten auf der Straße. Die Ruhe gibt mir Inspiration, Zusammenhänge zu erkennen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und vor allem Fehler zu vermeiden. Es gab Texte – und ich hoffe, dass meine Kollegen das niemals lesen – die ich im Bett geschrieben habe – einfach, weil mir gerade danach war. Ich bezweifle, dass die Qualität darunter gelitten hat. Und wenn ein Artikel abends nicht gleich fertig sein musste, nutzte ich gelegentlich auch die Ruhe des späten Abends, um auf der Couch nochmal genauer über Formulierungen nachzudenken – ohne dafür ins Büro fahren zu müssen.

Ich sehe es als Vorteil, meinen Start in das Volontariat bei der Sächsischen Zeitung „in einer besonderen Zeit“ zu machen. Im Homeoffice bin ich der Chef, der bestimmt, wie und zu welchen Zeiten gearbeitet wird – dass die Ergebnisse stimmen müssen, versteht sich von selbst. Durch die Beschränkung auf das Telefon habe ich gelernt, mehr von mir als Mensch preiszugeben, um die Hürde der Distanziertheit zu nehmen. Umso mehr freue ich mich nun darauf, bald die „echten“ Gesichter meiner Kollegen kennenlernen zu dürfen und zu erfahren, dass alles, was ich hier geschrieben habe, vollkommener Unsinn ist und der Arbeitsalltag im Büro vor Ort doch viel angenehmer und produktiver ist, als ich es hier insgeheim angenommen habe. Dafür bin ich Journalist: Ich lerne täglich dazu.

Text: Tim Ruben Weimer