Von Zuhältern und Sexpuppen

Der Lude

Wer im Lokalen arbeitet, kann morgens über eine Baustelle turnen, mittags eine Künstlerin treffen, die begeistert erzählt, wie sie aus einem Stein einen Elefanten schuf, und abends im Stadtrat sitzen, um eine hitzige Diskussion über verkaufsoffene Sonntage zu verfolgen. An den möglichsten und unmöglichsten Orten finden sich auch die Praktikanten der SZ-Redaktionen wieder. Ariane Dreisbach von einem speziellen Termin in der Dresdner Neustadt:

Ich sitze auf einer Stufe vor der Schwulenbaar „Queens“. Hier soll vor kurzem die neue Tanzbar „Der Lude“ eingezogen sein. Lude ist ein veraltetes Wort für Zuhälter, habe ich gelernt. Drin ist noch alles dunkel, aber ich bin in fremden Städten auch immer zu früh bei den Terminen. Ich warte noch fünf Minuten, dann klopfe ich. Keiner da. Sicherheitshalber werfe ich einen Blick auf meinen Zettel mit Namen, Adresse, Telefonnummer und anderen überlebenswichtigen Dingen und stelle fest, dass ich hier falsch bin. Das ehemalige Queens, das ich suche, ist direkt gegenüber. Da steht auch – eigentlich nicht zu übersehen – neben einem grinsenden Gesicht mit Ganovenbärtchen, Schlapphut und Zigarre groß „Der Lude“ an der Scheibe.

Nur Volljährige dürfen in die Bar. Im Vorraum steht ein Schild „Vergesst die guten Vorsätze!“ Es riecht nach Rauch. Über der Tür klemmt eine Sexpuppe. Nach einem zögerlichen „Hallooo?“ kommt der Inhaber Stefan Voigt aus dem Keller, wo er gerade die letzten (roten) Glühbirnen in Wandlaternen geschraubt hat. Wir setzen uns auf die roten Sitzwürfel, ich ziehe meinen Block aus der Tasche und schaue mich etwas eingeschüchtert um. „Die Sexpuppe ist noch von der Einweihungsparty“, sagt der Inhaber. Und nach einer Pause. „Nur, weil du da immer so rüberguckst.“ Ertappt. Morgens um Elf bei schummrigen Licht zwischen einer Sexpuppe und goldgerahmten Bildern aus „The Big Book Of Pussy“ zu sitzen, ist in der Tat etwas Neues für mich.

Auf meine Frage, ob er das Titelfoto der Bar bei facebook (ein Blick zwischen die Beine einer Frau, die sich in den Schritt greift) nicht gewagt finde, antwortet der Inhaber nur kurz: „Nö.“ Er scheint ehrlich überrascht darüber, wie bieder ich bin. Doch mit jeder Frage entspannt sich die Stimmung. Ich stelle fest, dass auch „Der Lude“ nur eine normale Bar mit etwas außergewöhnlichem Motto ist und Stefan Voigt kein Zuhälter. Hier heißen die Cocktails eben nicht Caipirinha oder Cuba Libre, sondern Stutenandi, Schickimickificki („Chic, weil mit Cognac“) und Bordello. Nicht mal mehr die Tatsache, dass im Keller noch ein Darkroom entstehen soll und die Bemerkung dazu: „Bei der Einweihung haben sie schon wie wild auf den Toiletten gevögelt, die Leute sind doch hemmungslos!“ kann mich da noch aus der Fassung bringen. Dieser Termin ist Lokaljournalismus hautnah.

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