Schreibwerkstatt Teil IV – Der Kommentar

blogWas macht eigentlich eine gute Reportage aus? Wie schreib ich eine knackige Meldung? Und was war noch einmal ein Feature? In unserer Serie “Schreibwerkstatt” wollen wir euch beibringen, worauf es bei den verschiedenen journalistischen Darstellungsformen ankommt. Teil 4: der Kommentar.

Kommentieren darf nie damit verwechselt werden, schnell mal die eigene Meinung á la „Ich finde das Betreuungsgeld unsinnig“ hinauszuposaunen. Ein Kommentar muss immer gute! Argumente enthalten. Ein klassischer Kommentar, auf der ersten Seite auch Leitartikel genannt, besteht aus vier Teilen: einer These, der Darstellung der Lage, der Argumentation und dem Fazit. Es bietet sich selten an, journalistische Texte nach Rezept zu schreiben. Beim Kommentar hingegen kann es sinnvoll sein, die vier „Zutaten“ nacheinander aufzuschreiben. Bevor es losgeht, bedarf es natürlich einer ordentlichen Recherche. Denn kennt man als Autor selbst nicht alle Argumente und Fakten, kann man auch die These nicht glaubwürdig stützen.

1. Was ist eine gute These?

Gleich zu Beginn eines Kommentars steht der Standpunkt des Autors. Je steiler die These ist, desto mehr Leute werden wissen wollen, wie der Schreiber zu dieser Aussage kommt. Ein Beispiel: Nach dem Urteil eines Oberlandesgerichts trägt die Radfahrerin, die bei dem Zusammenstoß mit einem Auto keinen Helm auf hatte, Mitschuld an ihren Verletzungen. Die Diskussion um die Helmpflicht ging daraufhin von vorne los. Ein Kommentator stellt in seinem Text die These auf: Die Helmpflicht macht das Radfahren gefährlicher! Wie das? Wenn man es schafft, diese Reaktion hervorzurufen, ist die These gut. Aber Vorsicht: Je mehr Provokation, desto besser müssen die Argumente sein.

 2. Wofür nochmal die Lage schildern?

Ein Kommentar fußt in der Regel auf einem anderen Beitrag im Blatt, meist auf einem Bericht. Das heißt aber leider nicht, dass sich alle, die den Kommentar lesen, vorher den entsprechenden Artikel zu Gemüte geführt haben. Daher müssen die Fakten nach der These immer noch einmal zusammengefasst werden.

3. Argumente, bitte!

Provokante Thesen ziehen in den Text, lassen die Leser aber enttäuscht zurück, wenn die Argumente nicht überzeugen. Es gibt sicher Standpunkte, die sich mit einem Argument glaubhaft stützen lassen, andere brauchen mehr – etwa drei Begründungen sollten es am Ende sein. Wie verklickert uns also unser Radhelm-Kommentator, dass wir mit Helm gefährdeter sind als ohne? Ein Blick auf seine Argumente (sinngemäß wiedergegeben):

EINS: Je weniger Fahrräder auf den Straßen sind, desto mehr Unfälle passieren (prozentual). Wenn die Radunfälle weniger werden sollen, darf Radfahren nicht unattraktiver gemacht werden – wird es durch die Helmpflicht aber: In Ländern, die sie  eingeführt haben, ist die Zahl der Radfahrer gesunken. 

ZWEI: Helmträger werden rücksichtsloser überholt als Radfahrer ohne Helm. Die Erklärung (belegt mit einer Studie): Autofahrer nehmen an, dass sich der Radfahrer bereits selbst schützt.

DREI: Auch die Helmträger fühlen sich sicherer, fahren daher schneller und bauen mehr Unfälle.

 Überzeugt?

4.  Ja, es darf auch noch ein Fazit sein

Die Schlussfolgerung sollte ebenso prägnant und einprägsam sein wie die These. Gut ist ein Fazit, wenn es nicht allzu unrealistisch ist – die Forderung also umsetzbar. Außerdem sollte man es schaffen, eine Lösung für das Problem anzubieten. Der Radhelm-Kommentator plädiert etwa dafür, dass alle Autofahrer langsamer fahren – denn hohe Geschwindigkeiten seien die Hauptursache für verunglückte Radfahrer.

Welche Themen eigenen sich nicht fürs Kommentieren?

Wenn über ein Thema Konsens besteht, muss es nicht mehr kommentiert werden – es fehlt die überraschende These. Jeder findet Tierversuche doof, hält es für positiv, dass viele Leute zum Stadtfest gekommen sind und weiß (mittlerweile), dass es für Atommüll kein sicheres Endlager gibt.

Nicht wirklich geeignet sind außerdem weitgehend unbekannte Themen, die man erst lang erklären muss. Die Sachlage zu schildern sollte nicht mehr als ein Viertel des Textes einnehmen.

Zum Schluss noch ein Appell an die Frauen. Der Blick in die Kommentarspalten beweist: Immer noch kommentieren mehr Redakteure als Redakteurinnen. Also: Auf die Frage „Und wer kommentiert heute?“, einfach mal mutig „ICH“ rufen!

Von Britta Veltzke

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