Schreibwerkstatt Teil V – Das Interview

Was macht eigentlich eine gute Reportage aus? Wie schreib ich eine knackige Meldung? Und was war noch einmal ein Feature? In unserer Serie “Schreibwerkstatt” wollen wir euch beibringen, worauf es bei den verschiedenen journalistischen Darstellungsformen ankommt. Teil 5: das Interview.

Laut Wikipedia ist ein Interview  „eine Befragung durch Fragesteller (so genannte Interviewer) mit dem Ziel, persönliche Informationen oder Sachverhalte zu ermitteln.“ Trotz ihrer Länge werden sie gerne gelesen – sofern der Journalist einige Dinge beachtet.

Journalisten führen Interviews aus  zwei Gründen: 1. Um daraus einen eigenständigen journalistischen Beitrag zu machen und 2. als wichtiges Recherchemittel, als zu Informationsbeschaffung und „Lieferung“ von Originaltönen und Zitaten. Walther  von La Roche, früher Journalist und Honorarprofessor an der Uni Leipzig, unterschiedet Interviews dazu noch einmal nach:

  • Interview zur Person
  • Interview zur Sache,
  • Interview zur Meinung.

Ein Interview zur Person stellt den Gesprächspartner vor, in allen seinen Facetten. Mit Stärken, Schwächen, Ecken und Kanten und gibt so einen Einblick in die Denkweise der Person. Ein Beispiel wäre Angela Merkel über ihre Kindheit in Ostdeutschland. Ein Interview zur Sache beschäftigt sich hingegen mit einem Sachverhalt oder Problem. Hier ist die interviewte Person eher als Mandatsträger oder Experte gefragt. Ein Beispiel dafür wäre etwa Angela Merkel über die Rolle Deutschlands in der EU. Interviews zur Meinung könnten etwa ein Streitgespräche mit mehreren Teilnehmern zu einem Thema wie der Frauenquote sein.

Vorbereitung ist Wichtig

Zwar gibt es auch Interviews, wo die einzelnen Formen etwas vermischt sind, aber das sollte eher die Ausnahme bleiben. Für Journalisten ist es wichtig vorher festzulegen, zu welchem Thema man den Interviewten befragen möchte. Das gilt auch bei Interviews zu Person. In einer halben, höchstens einer ganzen Stunde, ist keine Zeit durch ein ganzes Leben zu galoppieren.  Das würde später beliebig wirken. Wie immer ist eine Vorbereitung deswegen die halbe Miete. Sie dient dazu, eine Art übergeordnetes Thema im Leben einer Person zu finden. Beispiele sind etwa Heimatlosigkeit oder Neuanfang nach einem Burn-Out. Dass man deswegen im eigentlichen Interview als Journalist selten noch etwas Neues erfährt, ist durchaus normal. Mögliche Antwortszenarien können im Kopf vorher durchgespielt werden. Im Interview selbst ist das durchaus von Vorteil, hilft es doch die Gesprächsführung besser zu planen und sich mögliche Nachfragealternativen schon im Voraus zu überlegen.

Völlig zurücklehnen kann man sich während des Interviews natürlich trotzdem nicht. Mögliche Fenster für Nachfragen können sich immer ergeben. Verpasst man sie, schließen sie sich möglicherweise für immer und man ärgert sich später beim Schreiben („Hätte-Schmerz“). Von Zeit zu Zeit macht es während eines Interviews auch Sinn, die vorbereiteten Fragen zur Seite zu legen und zu improvisieren. Merkt man, dass man nicht weiterkommt, kann man sie als Anker immer wieder verwenden. Insgesamt sollte sich der Journalist also schon im Vorfeld überlegen, wie das Gespräch ablaufen könnte und welche Antworten zu erwarten sind.  Fehlt die Recherche und das Wissen zu Thema und Person,  sind die Fragen schnell unpräzise und wirken profan. Außerdem erkennt der Journalist dann schlichtweg auch nicht, wann der Befragte die Unwahrheit sagt. Der Erkenntnisgewinn sinkt in beiden Fällen.

Da Prominente sehr viele Interviews geben – in denen sie oft auch so ziemlich das gleiche sagen – besteht oft die Gefahr, dass man Interviews führt, ohne überhaupt irgendwas Neues zu erfahren. Wieder spielt die Vorbereitung eine wichtige Rolle. Gerade die ersten Fragen sollten den Interviewten überraschen und reizen, sonst geht bei ihm die Lust schnell verloren. Das klingt freilich einfacher als es ist. Gut eignen sich bei Interviews zur Person beispielsweise Fragen nach bestimmten Situationen oder Wendepunkten im Leben. Den weiteren Verlauf kann man leicht an diesen Thema orientieren und quasi als Stationen abarbeiten.

Die richtige Fragetechnik

Bei den Fragen unterscheidet man zwischen jenen, die auf den Gegenstand, solche, die auf das Antwortverhalten gerichtet sind und Interaktionsfragen zur Dialogsteuerung, die die Metaebene des Gesprächs betreffen („Ich habe den Eindruck, Sie fühlen sich unwohl bei diesem Thema?“). Je nach Gesprächspartner und Thema sollten Fragetechniken und Sprachebenen variiert werden. Geschwätzige Befragte werden durch geschlossene Fragen eingefangen, verschlossene durch offene Fragen geöffnet. Zeigt sich der interviewte bei Antworten Unentschiedenheit, hilft es Warum-Fragen nachzulegen und das Festlegen des Befragten durch interpretierende Nachfragen zu erreichen. Entscheidungsfragen können leicht durch ein vorangestelltes „Inwiefern“ vermieden werden. (Anstatt „Sind Sie damit einverstanden?“ einfach „Inwiefern sind die damit einverstanden?“) Bei Meinungslosigkeit können mehrere Antwortalternativen vorgeben werden. Manchmal hilft es auch die gleiche Frage einfach noch einmal anders zu formulieren. Insgesamt sollten die Fragen aber kurz und prägnant sein. Doppelfragen unbedingt vermeiden, genauso wie unklare und schwammige Formulierung wie „ziemlich“ oder Konjunktive.

Das Interview sollte natürlich möglichst auf Band mitgeschnitten werden, nur einzelne Aussagen werden per Hand mit notiert. So bleibt mehr Zeit sich auf die Antworten zu konzentrieren. Ist das alles geschehen folgt der nächste Schritt der Arbeit: das Niederschreiben. Entgegen landläufiger Vorstellungen liefen so gut wie alle Interviews nie so ab, wie sie später in der Zeitung oder im Magazin stehen. (Ausnahmen sind Interviews nach dem Motto: „Fünf Fragen an…“) Fragen und Antworten müssen gekürzt und geglättet werden. Sprachliche Unsauberkeiten korrigiert. Selbst die ganze Struktur wird oft umgebaut, damit der Eindruck eines flüssigen Gesprächs entsteht und der Spannungsbogen erhalten bleibt. Längere Antworten sollten sich mit kürzeren abwechseln. Auch sollte darauf geachtet werden, dass nicht nur W-Fragen verwendet werden. Das steigert den Lesefluss. Die nachträgliche Bearbeitung ist natürlich KEIN Freifahrtsschein dafür, Aussagen zu verfremden oder zu erfinden. Journalistische Gewissenhaftigkeit sollte selbstverständlich sein.

Der letzte Schritt: Die Autorisierung

Trotzdem gehört mittlerweile zur gängigen Praxis, Wortinterviews durch den Interviewten oder dessen Presseleute autorisieren zu lassen.  Autorisierung bedeutet die nachträgliche Zustimmung des Interviewten zu einer schriftlichen Fassung des Gesprächs und deren Veröffentlichung. Das ist zwar nicht gesetzlich vorgeschrieben, aber im deutschsprachigen Raum im Gegensatz zum englischsprachigen Journalismus absolut üblich.  Oft werden hier ganz Fragen und Antworten nachträglich so verändert, dass sie kaum noch wiederzuerkennen sind. Als Journalist darf und sollte man sich das nicht gefallen lassen. Der DJV hat deshalb Leitlinien für die Autorisierung aufgestellt.

Von Marco Henkel

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