x-Wege in den Journalismus: der Journalistenschüler

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Stefan Becker hat sich in seinem ersten Praktikum im Fettnäpfchen-Weitsprung geübt. Danach ist er auf eine Journalistenschule gegangen. Für ihn „vielleicht die Schule fürs Leben“. Nummer Drei in der Serie „x Wege in den Journalismus“: der Journalistenschüler.

“Verdammt”, fluchte der baumlange Chef vom Dienst, “bist Du völlig verrückt geworden?” Ich sah das durchaus differenzierter, doch nach dem Vulkanausbruch des geliebten Vorgesetzten schien es, als würde meine sagenhafte Karriere bei der Zeitung schon nach vier kläglichen Wochen wieder enden. Bei einer Reportage über ein Schützenfest in Bielefeld hatte ich gleich so ziemlich alles falsch gemacht, was man in der Kürze der Zeit überhaupt falsch machen konnte:

Da ich mich stundenlang inmitten einer rotgesichtigen, beleibten, alkoholisierten wie bewaffneten Bagage befand, notierte ich einfach nur das, was um mich herum geschah. Es bedurfte keiner Übertreibungen, das gebotene Geballer war gespickt mit absurden Momenten. Einfach großartig. Weniger ist aber manchmal mehr. Wenn im allgemeinen Gekreische und Getöse zwischen Schießplatz und Festzelt, wahrscheinlich ungewollt, Dekolletés verrutschen und Hände auf Hintern prallen, so lässt sich das natürlich auch dezent umschreiben oder galant übersehen.

Fettnäpfchen-Weitsprung

Der zweite Fauxpas bestand darin, dass ich keine Ahnung hatte, mit oder für wen ich eigentlich arbeitete. Rein menschlich betrachtet. So erfuhr ich dann auf die harte Tour,  dass der Chef vom Dienst selbst als hochdekorierter Schütze herumkommandierte und knietief in diesem Brauchtum steckte. Dumm gelaufen und die Dummheit war allein mein Verdienst, kein Fatalismus: Vorher fragen, Vorlieben und Aversionen der Kollegen erforschen und den Fallstricken des Berufsalltags elegant entkommen.

Stefan Becker Fotos: B. Veltzke

Stefan Becker                  Fotos: B. Veltzke

Der Anlass für die beinahe Herzattacke bestand aber im fast fatalen dritten Fehler: Das Manuskript hatte ich ins Fach für redigierte Texte geworfen. Damals gab’s das noch. Die Aktion war keine Absicht, nur hätte die Schusseligkeit fast zur lokalen Katastrophe geführt. Weil der Chef vom Dienst allerdings offensichtlich wissen wollte, was der Becker da verbockt hat, bei seinen Schützen, machte er sich auf die Suche nach der Geschichte und den Rest habe ich ja gerade erzählt.

Und was sagt uns das nun? Journalisten sind auch nur Menschen, mit ihren Stärken und Schwächen, ihren Befindlichkeiten und Vorurteilen. Dass es ihnen trotzdem jeden Tag wieder gelingt, den geschätzten Mitbürgern die Großartigkeiten und Abgründe dieser Welt ein Stück näher zu bringen, liegt letztendlich am kollegialen Miteinander.

Hart und hoffentlich herzlich

Dabei kann es allerdings im Ton durchaus einmal etwas rauer zugehen. Wer diesen Job ernsthaft machen möchte, sollte keine Mimose sein, muss lernen, negative Kritik zu vertragen und darf auf keinen Fall gleich alles persönlich nehmen. Der Beruf verlangt eine gewisse Härte, auch gegen sich selbst.

Mir widerfuhr diese Härte samt Herzlichkeit auf der Journalistenschule von Henri-Nannen in Hamburg. Wer dort aufschlägt, denken viele, könne so richtig gut mit Worten  und hätte es voll darauf. Das denken meist die, die sich nicht bewerben, weil sie von sich denken, ihnen fehle es an Talent oder Sprachgefühl oder was auch immer und deswegen hätten sie sowieso keine Chance – oh, wie doof ist das denn! Darum möchte ich in diesem Blog einen bescheidenen Wunsch äußern: Wer diesen Beruf ernsthaft erlernen will, sollte sich solange bei allen Schulen bewerben, bis sie oder er endlich genommen wird. Basta.

Es lohnt sich. Diese Erfahrungen und Erlebnisse lassen sich nirgendwo sonst in so komprimierter Form machen. Die Dichte der Dozenten, alles sprachgeprüfte Praktiker, bietet keine Uni und kein klassisches Volontariat. Dem einen oder anderen wird es komisch vorkommen, nach Studium oder Beruf plötzlich wieder in einer Schule zu sitzen; Manuskripte in den Händen haltend, die manchmal mehr farbige Symbole und kryptische Zeichen und Striche zählen, als der zu redigierende Text an Buchstaben besitzt: Ich habe Beweise dafür. In dem Moment möchte das ramponierte Ego laut protestieren, und sein angeborenes Recht auf den eigenen Stil einfordern.

Fegen für den Frieden

Doch mit dem persönlichen Stil ist das so eine Sache. Wer darauf pocht, sollte sich einen Besen kaufen – der besitzt auch Stiel. Die nächste Aufgabe bestünde dann darin, mit dem Besen einen Platz zu fegen. Das dauert, bereitet ein paar Blasen an den Fingern und nach einem Windstoß beginnt die Arbeit im ungünstigsten Fall von vorn. Wie gesagt, der Job taugt nur bedingt für Mimosen, stattdessen sollte er zum Teamwork ermuntern. Kollegen besitzen auch brillante Ideen und jeder seinen eigenen Schwung um Texte zu hübschen. Nur Mut.  

Die Journalisten-Schulen vermitteln zudem die schicksten Praktika, da sie diversen Medienkonzernen nahestehen. In den Monaten beim Spiegel oder Stern, bei Bild, Focus oder RTL lernt der Novize, wie Print, TV, Radio oder Internet von großem Format produziert wird und siehe da – die kochen auch nur mit Wasser. Allerdings in ziemlich großen Töpfen und flankiert von einigen Meister-Köchen.

Wem das zusagt, der kämpft um seinen Platz in der ersten Liga. Wen dort manches vielleicht doch abschreckt, der sucht sich eben etwas anderes. Mit einem Know-how, das auf keinen Fall schadet und mit Kontakten, die ebenfalls helfen können. Journalisten-Schulen sind bestimmt nichts für jeden, aber jede oder jeder, die/der mit dem Gedanken an eine Bewerbung kokettiert, sollte das unbedingt durchziehen. Es lohnt sich immer.

PS: Ich war so ein Landei in meiner ostwestfälischen Provinz, dass ich damals von den Schulen nicht einmal gehört hatte. Eine liebe Praktikantin aus der großen Stadt trug mir die Kunde zu und dann ging aber die Post ab, gerade so am Einsendeschluss vorbei geschrammt – verdammtes Glück gehabt. Ihr aber, geneigte Leser, ihr wisst nun um die Existenz dieser Schulen und so legt bitte los. Viel Erfolg!

http://de.wikipedia.org/wiki/Journalistenschule#Liste_von_Journalistenschulen

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