Verblödungsfälle!? – Ein Selbstversuch

Wir sitzen im Unterricht. Auf einmal kommt die Sprache auf „Hartz-IV-TV“ (an dieser Stelle möchte ich betonen, dass ich mit dieser Bezeichnung keine Hartz-IV-Empfänger in irgendeiner Weise diskriminieren möchte). Spöttisch wird über die „Verblödung“ der Zuschauer dieser Nachmittagssendung eines privaten Fernsehsenders diskutiert. Aber ist das gerechtfertigt?

Ja, ich gebe es zu, ich habe eine Woche lang die Sendung „Betrugsfälle“ auf RTL geschaut. Und nein, ich denke nicht, dass ich jetzt deshalb „verblödet“ bin. Allerdings muss ich zugeben, dass ich das eine oder andere Mal nur noch den Kopf schütteln konnte.

Da ist zum Beispiel Gisa in Folge 285 (Montag, 11.03.), deren Boutique nicht mehr gut läuft und die vermutet, dass ihr Mann ein Verhältnis mit der neuen Untermieterin hat. Für mich das typische Szenario der Mitt-Vierzigerin, deren Leben den Bach runtergeht. Etwa in der Hälfte der Sendung beschleicht mich die vage Vermutung, dass das alles ein großes Missverständnis ist. Aber die beste Freundin und Angestellte Gisas – Pola – überredet die unsichere Frau, in die Wohnung der jungen Dame einzudringen. Und tatsächlich! Sie finden eine Mappe mit gesammelten Informationen über ihren Mann Olaf. Und spätestens jetzt konnte ich den Verdacht, dass Jenny, die Untermieterin, eigentlich die Tochter des angeblich untreuen Mannes ist, nicht mehr ignorieren. Und siehe da, drei Minuten vor Schluss kommt die typische, natürlich total unvorhersehbare Wendung: Gisa kommt nach Hause, belauscht ein Gespräch der beiden, platzt rein und bekommt erklärt, dass Olaf seit 22 Jahren Samenspender und Jenny seine Tochter ist. Sie ist sauer, wütend und enttäuscht. Das ganze dauert rund zwei Minuten. Danach kommt noch einmal ein „Blick in die Zukunft“: Gisa hat Olaf verziehen und alle sind glücklich.

Nach einer Woche kann man tatsächlich schon erste Parallelen zwischen den Folgen ziehen: Immer sind die Hauptpersonen Frauen, die um die 40 Jahre alt sind und meistens Mann und Kind haben. Kurz: die Durchschnittsfrau. Meistens wird der Mann als naiv oder zumindest nicht ganz so hell dargestellt. Kurz: der Durchschnittsmann. Die Kinder sind manchmal rebellisch und wollen mit obdachlosen Punks zusammenleben (Freitag, 15.03.: Folge 215), oder sie sind oberflächlich und stehen auf die Frau des Onkels (Dienstag, 12.03.: Folge 258). Kurz: der typische Klischeeteenager. Die besten Freundinnen der Hauptpersonen haben die hilfreichsten Ideen oder geben die entscheidenden Hinweise. Wenn diese gerade mal nicht im Drehbuch stehen, helfen auch „zufällige“ Gespräche mit Nachbarn oder Kindergärtnerinnen. Und natürlich hilft die Polizei, wenn die Guten mal in Schwierigkeiten sind, und verhaften die Bösen zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Also, wer viel Zeit hat und oben stehende Punkte überprüfen will, der sollte keine Angst vor „Verblödung“ haben, und sich einfach mal geistigen Abfall zu Gemüte führen. Viel Spaß dabei!

Die Autorin hat sich 5 Tage lang jeweils eine halbe Stunde vor den Fernseher gesetzt und „Betrugsfälle“ geschaut.

Sarah Karg, F.-Sauerbruch-Gymnasium Großröhrsdorf

Hartz-IV-Fernsehen

Über Hartz-IV-Empfänger gibt es viele Vorurteile – deswegen werden bestimmte Sendungen im Privatfernsehen umgangssprachlich als „Hartz-IV-TV“ bezeichnet. Illustration: Felix – Fotolia

 

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