„Warum woanders mehr bezahlen?“

Sarah, 15, ist heute zum ersten Mal auf dem Weg in einen Second-Hand-Shop. Sie hat den Tipp von einer Freundin bekommen und will sich jetzt selbst ein Bild machen. Ihr erstes Ziel ist das Geschäft Resales in der Nähe der Prager Straße, eine von zwei Dresdner Filialen der größten Second-Hand-Shop Kette in Deutschland. Als sie eintritt, schlägt ihr ein muffiger Geruch entgegen.Vor ihr erstrecken sich lange Reihen von Kleiderständern, an denen die Bügel dicht an dicht aufgereiht sind. Sofort fallen ihr einige geschmacklose Teile ins Auge: ein wollenes T-Shirt mit unendlich weitem Rückenausschnitt und Strasssteinen – so etwas findet man sonst nirgends. Sie grinst und beginnt zu suchen.

Entgegen der allgemeinen Vorstellung, Second-Hand-Läden seien unhygienisch und voller Plunder, hat sich in den letzten Jahren ein Trend zu Artikeln aus zweiter Hand entwickelt. Gerade bei Jugendlichen, die von der Hipsterszene geprägt sind, gewinnen gebrauchte Kleidung und Retro-Style an Beliebtheit.

Für sie bietet die Kette Humana mit ihrer Vintageabteilung der 50er bis 90er Jahre und Kleidung aus Omas und Opas Zeiten eine reiche Auswahl. Durch die große Nachfrage gibt es Humana  inzwischen in vielen Städten wie Berlin, Hamburg, Frankfurt und Köln. Dresden hat eine Filiale am Postplatz und eine in der Neustadt vorzuweisen. Humana wirbt nicht nur mit seinem umfangreichen Sortiment, sondern auch mit Hilfsprojekten in afrikanischen Entwicklungsländern. Das Konzept ist simpel. Die Kleidung aus Containern in der ganzen Stadt wird in einer Sammelstelle sortiert. Gut erhaltene Ware wird in den Läden verkauft, alles andere geht nach Afrika. Dort verteilen es ehrenamtliche Entwicklungshelfer an Bedürftige.

Doch was auf den ersten Blick umwelt- und menschenfreundlich aussieht, schadet der afrikanischen Textilindustrie enorm. Ehemalige Mitarbeiter fühlten sich zudem ausgebeutet und berichten von unorganisierter und in keiner Weise zielführenden Entwicklungsarbeit. Außerdem wird dem Verein vorgeworfen intransparent zu sein, da mitunter Spendengelder verschwanden. In Rheinland-Pfalz wurde sogar das Humana-Symbol mit den drei Weltkugeln auf dem Container verboten, weil diese einen humanitären Eindruck erwecken. Über ausbleibende Kundschaft kann die Kette sich trotz Kritik nicht beschweren.

Jeder Fünfte kauft im Second-Hand-Laden ein

Markenbewusste Käufer wenden sich jedoch eher an ein unauffällige Geschäft am Körnerplatz: etikette.  „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, Außergewöhnliches und Qualität zu verbinden“, sagt die Besitzerin. „Natürlich ist unsere Kleidung teurer als in anderen Second-Hand-Läden. Aber unser Konzept funktioniert. Unsere Kunden kommen aus allen möglichen Stadtteilen.“ Von Joop-Schuhen bis Hilfiger-Jacken findet man hier alles, was Rang und Namen hat, allerdings in begrenztem Ausmaß. Das Geschäft kauft Überhänge von Läden mit bekannten Labels auf und nimmt die Kleidung ihrer Kunden in Kommission. „Wir haben ein vielseitiges und ständig wechselndes Sortiment. Bei uns findet man nur Einzelteile“, sagt die Besitzerin ein klein wenig stolz.

Doch was die Kunden von etikette mit allen anderen Second-Hand-Fans gemeinsam haben, ist die Suche nach Außergewöhnlichem und Günstigem jenseits des Mainstreams. Und das durch alle Generationen. Während Leute der Altersgruppe 40 plus bei Resales einkaufen, suchen Teenager ab 15 Jahren eher Humana auf. Trotzdem sind die Zahlen der Käufer immer noch recht niedrig. Nur 20 Prozent der Dresdner Befragten waren jemals in einem Second-Hand-Shop. Die wenigsten von ihnen sind dort regelmäßig. Und 95 Prozent der Kundschaft sind weiblich. Billig alleine bedeutet für viele eben nicht alles.

Sarah ist letztendlich doch noch fündig gewurden: drei T-Shirts für 5 Euro – kein Standardpreis! Sogar der unangenhme Geruch fällt ihr gar nicht mehr auf. Sie ist ganz der Begeisterung verfallen, Second-Hand zu kaufen. Und stellt sich genau wie Resales die Frage: „Warum woanders mehr bezahlen?“

Josefine Velde und Friederike Lürken, St. Benno-Gymnasium Dresden, Klasse 10a

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