Erfahrungsbericht

Was macht eigentlich ein Journalist im Lockdown?

Tim Ruben Weimer hat bisher beinahe seine gesamte Zeit bei der SZ im Homeoffice gearbeitet. Mit diesem Text zieht er ein Zwischenfazit.

Ein Reporter muss rausgehen zu den Menschen, er muss beobachten, live dabei sein, wenn Dinge passieren, er soll die Welt des normalen Durchschnittsbürgers genauso kennen wie den Alltag eines Politikers, muss fragen und dazwischen haken. Was aber, wenn sich das Leben der Menschen plötzlich nur noch in den eigenen vier Wänden abspielt, und – noch viel schlimmer – ich selber den Fuß auch nicht mehr vor die Tür setzen darf? Was macht ein Journalist im Lockdown?

Mein ehemaliger Redaktionschef erklärte mir in fast jedem unserer Gespräche, ich käme in einer besonderen Zeit. Im Oktober 2020 habe ich mein Volontariat bei der Sächsischen Zeitung begonnen, im November kam der bis heute andauernde Lockdown der zweiten Welle. Corona hat auch unseren Alltag verändert. Im „Haus der Presse“ herrscht kaum Betrieb, die Kantine ist menschenleer, im Erdgeschoss wurde ein Testzentrum eingerichtet. Die meisten Journalisten arbeiten im Homeoffice, meine Kollegen feierten letztens ihr einjähriges „Absenzjubiläum“ – mit einem kurzen Eintrag in unserem internen Chatforum und einem Bier-Emoji. Auch ich arbeite seit Anfang November im Homeoffice.

Komme ich in einer besonderen Zeit? Für meine Kollegen mag das vielleicht so wirken, für mich aber war es fast von Anfang an mein neuer, normaler Arbeitsalltag. Das tägliche Meeting über Teams ersetzt die Redaktionssitzung, die ich in Präsenzform noch nie miterlebt habe. Absprachen werden meistens über WhatsApp getätigt, es gab Tage, an denen ich den ganzen Tag keine einzige Stimme hörte – und das als Journalist!

Von den Kollegen meiner derzeitigen Volontariatsstation, an der ich seit Februar 2021 arbeite, habe ich nicht einen einzigen je „im echten Leben“ getroffen, eigentlich weiß ich von niemandem so recht, wie er oder sie tickt. Wenn ich mit jemandem über den Chat einen Scherz mache, besteht immer die Gefahr, dass mein Gegenüber meine Art von Scherzen überhaupt nicht versteht. Manch einen Kollegen hatte ich eine Zeit lang noch nicht einmal virtuell kennengelernt. Eine Vorstellung von ihm baute sich bei mir trotzdem auf – über die Farbe des Chat-Avatars, über seine Ausdrucksweise in den getippten Diskussionen, über die Smileys, mit denen er andere Beiträge kommentiert. Als er dann plötzlich erstmals in einer Videokonferenz auftauchte, brach meine bisherige Vorstellung von ihm zusammen. Ein bisschen wie auf Facebook, wo man auch (viel zu) schnell meint, andere Nutzer nur aufgrund deren Kommentare gut zu kennen. Manchmal stellt sich für mich die Frage: Werde ich bei meinen Kollegen eigentlich überhaupt irgendeinen Eindruck hinterlassen? Nehmen sie mehr von mir wahr als nur meinen Namen? Werde ich mich nach Corona noch einmal ganz neu vorstellen und etablieren müssen?

Meistens überwiegen die Nachteile in der Diskussion um die Arbeit im Homeoffice. Und auch bei mir muss ich sagen: Der strukturierte Arbeitstag, den ich in meinem einzigen Monat in eingeschränkter Präsenzarbeit noch kennenlernen durfte, ging mir schnell verloren. Auch in meiner Mittagspause bin ich nie ganz offline und luge mit einem Auge noch auf aktuelle Nachrichten, die gerade reinkommen – ich könnte ja gebraucht werden. Insgeheim bewundere ich aber manchen Kollegen, dessen Statusanzeige sich immer pünktlich zur Pause konsequent offline schaltet. Andererseits dauert es aber manchmal auch gefühlte Ewigkeiten, bis ein vorgeblich anwesender Kollege mir endlich in einer dringenden Sache antwortet. Im Büro hätte ich einfach kurz schauen können: Ach, er ist kurz auf dem Klo, dann gedulde ich mich noch kurz mit meiner Frage. So stehe ich dagegen häufig im digitalen Nirwana und suche verzweifelt nach einem Ausweg.

Was macht ein Journalist nun im Lockdown? Glücklicherweise lernen wir Volontäre nicht nur das reine Recherchieren und Schreiben von Artikeln. Es gibt auch Aufgaben, die sich problemlos im Homeoffice erledigen lassen, wie zum Beispiel das Verwalten von Social-Media-Kanälen, das Erstellen von Newslettern oder das Beantworten von Leserbriefen. Und selbst das Kerngeschäft, die Recherche, lässt sich erstaunlich gut vom heimischen Telefon aus betreiben. Was aber häufig wegfällt, sind die weichen, sozialen Komponenten der Geschichten. Wenn ein Protagonist zum Beispiel über ein besonderes Ereignis in seinem Leben spricht, dann wählt er dafür am Telefon andere Worte als bei einem Treffen bei Kaffee und Kuchen. Wenn er ungern über etwas sprechen möchte, dann lässt er sich am Telefon nur schwer umstimmen. Wer nicht gerne mit Journalisten spricht, kann mich am Telefon einfach wegdrücken, bevor ich ihm die Sache etwas verständlicher machen kann. Und die kleinen, subtilen Gesichtsregungen, die bei spannenden Gesprächen häufig die besondere Note geben (à la „er lächelte verschmitzt“), fallen komplett weg. Meine Artikel sind dadurch nicht etwa versachlicht, aber entmenschlicht worden. Protagonisten sind zu bloßen Informationsquellen geworden.

Ich gebe zu, die Gespräche bei Kaffee und Kuchen hat es natürlich trotz Lockdown gelegentlich gegeben. Vorneweg aber immer die Diskussion: Ist das Gespräch wirklich nötig, wo ist es luftig genug, dass wir uns treffen können, aber trotzdem nicht eisig kalt, und wie machen wir das mit der Maske? Und nein, nicht immer habe ich da die vorsichtigste Variante gewählt. Meine journalistische Neugier hat regelmäßig über meine Vernunft gesiegt, um dann im Nachhinein wieder kleinlaut beizugeben: Hoffentlich habe ich niemanden angesteckt.

So neu und schwierig der Lockdown für uns alle ist, eins muss ich doch feststellen: Manche Artikel hätte ich im „normalen“ Arbeitsalltag vermutlich nicht fertigstellen können. Ich habe das Privileg, eine eigene Wohnung zu haben, in der es still ist, wenn ich mich konzentrieren möchte. Wenn es an der Zeit ist, alle Fakten zusammenzutragen und einen Text zu formulieren, dann schaue ich gerne mal aus dem Fenster und beobachte für einen Moment die Leute unten auf der Straße. Die Ruhe gibt mir Inspiration, Zusammenhänge zu erkennen, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und vor allem Fehler zu vermeiden. Es gab Texte – und ich hoffe, dass meine Kollegen das niemals lesen – die ich im Bett geschrieben habe – einfach, weil mir gerade danach war. Ich bezweifle, dass die Qualität darunter gelitten hat. Und wenn ein Artikel abends nicht gleich fertig sein musste, nutzte ich gelegentlich auch die Ruhe des späten Abends, um auf der Couch nochmal genauer über Formulierungen nachzudenken – ohne dafür ins Büro fahren zu müssen.

Ich sehe es als Vorteil, meinen Start in das Volontariat bei der Sächsischen Zeitung „in einer besonderen Zeit“ zu machen. Im Homeoffice bin ich der Chef, der bestimmt, wie und zu welchen Zeiten gearbeitet wird – dass die Ergebnisse stimmen müssen, versteht sich von selbst. Durch die Beschränkung auf das Telefon habe ich gelernt, mehr von mir als Mensch preiszugeben, um die Hürde der Distanziertheit zu nehmen. Umso mehr freue ich mich nun darauf, bald die „echten“ Gesichter meiner Kollegen kennenlernen zu dürfen und zu erfahren, dass alles, was ich hier geschrieben habe, vollkommener Unsinn ist und der Arbeitsalltag im Büro vor Ort doch viel angenehmer und produktiver ist, als ich es hier insgeheim angenommen habe. Dafür bin ich Journalist: Ich lerne täglich dazu.

Text: Tim Ruben Weimer