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Locked down in Görliwood

Max hat die Corona-Ausgangsbeschränkungen in einem Görlitzer Hausprojekt verbracht. Von Planlosigkeit, Bundespolizei und rechtsradikalen Pizzabäckern.

Wenn ich ehrlich bin, hatte ich keine Lust auf Görlitz. Mit 1:20h ist es exakt zu weit weg zum Pendeln von Dresden, drei Monate weg von „zu Hause“. Außerdem macht man ja keinen Job am Fließband, sondern muss auch wissen, worüber man schreibt. Also umgehört, WG in Görlitz gefunden, alles klar. Dachte ich. Ich wohne im Zimmer eines Bekannten, der nach Italien umziehen wollte. Und dann kam die Beschränkung, zuerst in Italien. Er brauchte sein Zimmer. Ich ein neues. Kein Problem in Görlitz, drei Telefonate, Max morgen gehste mal in die Stipo.

Die Stipo ist die Stille Post, ein Hausprojekt mitten in Görlitz. Eine alte Villa, kurz vor dem Abriss, um dem geplanten Kaufhaus-Projekt zu weichen (es soll ohne Witz ein Parkhaus hin – kannste dir nicht ausdenken). Fünf Leute, ein Hund und ich. Mein Zimmer eine Pritsche und ein Kohleofen, eine alte Kommode, ein aus Bierkästen und einem Brett gebauter Schreibtisch. Dafür gutes Internet. Das war auch entscheidend, weil Homeoffice. Gleichzeitig beschloss das Haus im Plenum, dass es solidarisch ist, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. Jackpot.

Persönlich war es natürlich eine Wucht. Ich habe die Leute im Haus in den Wochen kennen und schätzen gelernt, sie waren so überhaupt nicht, wie man sich Görlitz vorstellt. Nur das Grillen im Garten geriet aus lauter Panik vor der Polizei zum Nervenkitzel. Seit dem Schließen der polnischen Grenze hatten die freie Kapazitäten (O-Ton Polizeisprecher) und waren deswegen fleißig mit Kontrollen beschäftigt. Im Minutentakt fuhren die Autos durch Görlitz, es war bizarr.

Was zur großen Herausforderung geriet, war der Journalismus. In eine fremde Stadt zu kommen und aus dem Nichts Themen zu finden, ist schon so ein Ding der Unmöglichkeit. Meine Strategie ist dann meistens, durch die Stadt zu laufen und Themen zu „suchen.“ Mit Ausgangsbeschränkung schwierig. Also verbrachte ich Stunden damit, auf dem Hausdach zu liegen, in den Himmel zu starren und mir interessante Fragen über Görlitz aus dem Hirn zu saugen. Gute Übung. Aber verdammt anstrengend.

Dazu noch die alles erstickende Monothematik. War es am Anfang noch faszinierend, jedem Hinweis auf das Virus nachzugehen, wurde es nach einigen Woche zäh wie Kaugummi. Es passierte ja nichts. Und die fünfhundertste Story zu schreiben, wie Gastronom XY jetzt leidet? Wer liest sowas? Da war der Pizzabäcker, der wegen Corona (an das er nicht glaubt, alles gesteuert) seinen Lieferando-Vertrag gekündigt hat, noch eine willkommende Abwechslung. Das Gespräch war zwar etwas unangenehm (AfD yay, Geflüchtete ney, alle anderen korrupt), aber immerhin etwas.

Doch gerade wegen dieser intensiven Zeit, war der Abschied aus Görlitz echt schwer. Und obwohl ich am Anfang gar nicht dorthin wollte, hab ich im Zug zurück nach Hause nicht nur eine Träne verdrückt. Görlitz ist eine faszinierende Stadt. Echt jetzt.