Ein Stapel Zeitungen liegt auf einem Tisch.
Erfahrungsbericht

Die Geschichte meines Volos

In zwei Jahren Volontariat entstehen viele spannende, bewegende und wichtige Artikel. Doch manche Texte bleiben einem dauerhaft im Gedächtnis. Deshalb stellen einige (ehemalige) Volontär*innen diese Geschichten hier vor – Angelina beginnt.

Ein kleiner, manchmal blasser, zweiter Streifen hat die Macht, das Leben einer Frau für immer zu verändern. Zumindest, wenn er auf einem Schwangerschaftstest erscheint. Während er für viele Frauen absolutes Glück und die Freude auf ein Baby bedeutet, kann er sich für andere Schwangere wie eine große Katastrophe anfühlen. Er kann der Anfang einer Erfahrung sein, die Frauen oft ihr ganzes Leben lang begleitet. Zumindest glaubt keine der Frauen, mit denen ich für meinen bisher wichtigsten Text gesprochen habe, dass sie irgendwann aufhören werden, an ihren Schwangerschaftsabbruch zu denken. Genau deshalb ist mir dieser Text auch so wichtig. Genau deshalb habe ich weiterrecherchiert, obwohl ich oft das Gefühl hatte, dem Thema vielleicht noch nicht gewachsen zu sein.

In meiner bisher aufwändigsten Recherche habe ich mich damit auseinandergesetzt, ob es überall in Sachsen möglich ist, eine ungewollte Schwangerschaft einfach und sicher abzubrechen. Auf die Idee, bin ich durch eine Geschichte im Tagesspiegel gekommen. In dem Text beschreibt eine Frau aus Bayern ihren Schwangerschaftsabbruch und all die Hürden, die ihr dabei begegnet sind. Aus anderen Artikeln zum Thema Schwangerschaftsabbruch wusste ich bereits, dass es in einigen Regionen (Süd-)Deutschlands schwierig sein kann, einen Arzt oder eine Ärztin dafür zu finden.

Ich habe mich deshalb gefragt, wie die Versorgungslage in Sachsen wohl ist. Also habe ich mir zunächst die Liste der Bundesärztekammer angesehen, in der sich alle Gynäkolog*innen eintragen können, die Schwangerschaftsabbrüche anbieten. Allerdings ist diese Liste nicht vollständig und oft wird auch nicht erwähnt, welche Methoden die Arztpraxen und Kliniken anbieten. Also habe ich bei der Landesärztekammer aber auch bei einer Vielzahl von Beratungsstellen nachgefragt, wie sie die Versorgungslage in Sachsen beziehungsweise ihrer Region einschätzen. Schnell wurde klar: Ganz so schlecht wie in Bayern ist die Lage in Sachsen nicht. Verbesserungsbedarf besteht dennoch.

Ich wollte für meine Recherche unbedingt mit Frauen sprechen, die bereits eine Schwangerschaft in Sachsen abgebrochen haben. Deshalb startete ich einen Aufruf auf Social Media. Tatsächlich konnte ich mit mehreren Frauen persönlich über ihre Erfahrungen sprechen. Dass diese Frauen mir diese sehr intimen und emotionalen Geschichten anvertraut haben, war für mich eine große Ehre.

Vor dem Aufschreiben des fertigen Textes hatte ich großen Respekt. Ich sorgte mich, dem komplexen und kontroversen Thema nicht gerecht zu werden oder nicht neutral genug an die Sache herangegangen zu sein. Schließlich entschied ich mich dazu, meinen Text an der Geschichte einer der Frauen aufzuhängen, die mit mir gesprochen haben. Ihre Geschichte zeigte am besten, was für Schwangere in dieser Situation am wichtigsten ist. Das bedeutete gleichzeitig, dass ich andere Geschichten weglassen musste, was mir nicht leicht viel. Auch konnte ich aufgrund der schieren Menge an Informationen und Aspekten nicht alle meine Rechercheergebnisse in dem finalen Text unterbringen. So ist das aber oft. „Kill your Darlings!“, das wurde uns in der Henri-Nannen-Schule immer wieder eingebläut. Das bedeutet, dass man sich von Informationen und Geschichten trennen muss, auch wenn sie spannend sind, wenn ein Artikel dadurch an Verständlichkeit und Struktur gewinnt.

Im Nachhinein bin ich trotzdem froh, mir diese Recherche zugetraut zu haben. Denn von mehreren Beratungsstellen und Organisationen habe ich die Rückmeldung bekommen, dass er die Versorgungslage in Sachsen gut zusammenfasst und sie ihn als Referenz zu diesem Thema verwenden werden. Außerdem hat er mir gezeigt, dass man auch als eher unerfahrene Journalistin über ein komplexes und kontroverses Thema schreiben kann, wenn man sich wirklich reinhängt und genug Unterstützung von der Redaktion erhält, für die man gerade arbeitet.

Wer jetzt Lust bekommen hat, meinen Text zu lesen, der kann das hier tun: