Das Bild zeigt eine Kombination aus einem Porträt von Fionn Klose, Praktikant bei der Sächsischen Zeitung, und einem Bild von der Gegendemo zum Afd-Parteitag in Riesa
Erfahrungsbericht

Der „Call of Duty“ des Fionn

Längst vergangene Demonstrationen wurden Geschichtsstudent Fionn Klose schnell zu öde. Lieber will er sie selbst erleben! Ein Praktikum in der Politikredaktion der SZ ist da genau das Richtige, denkt sich Fionn – und er hat Recht. Hier schreibt er über seine Erlebnisse und zieht Halbzeitbilanz.

Bevor ich an meinem ersten Praktikumstag ins Haus der Presse gehe, muss eine Beruhigungszigarette auf jeden Fall noch sein. Und eine Flasche Wasser vom Bäcker. Ich bin wirklich sehr nervös und die ganze Zeit dreht sich ein Gedankenkarussell in meinem Kopf: Mit welchen Leuten werde ich da zu tun haben? Was für Aufgaben kommen auf mich zu? Das sind nur einige Fragen, die da auf dem Karussell ihre Runden drehen.

Doch als ich in die Politikredaktion der Sächsischen Zeitung eintrete und mich schon einige RedakteurInnen und die Sekretärin sehr freundlich begrüßen, legt sich die Nervosität erstaunlich schnell wieder. Ich werde zum Büro eines Kollegen geführt, der gerade im Urlaub ist. Holla die Waldfee, ich mach ein Praktikum und hab mein eigenes Büro. Das ist schon mal kein schlechter Anfang.

Und dann geht es auch schon los mit der ersten Aufgabe. „Geh mal die Zeitungen der letzten Tage durch und suche dir ein Thema, das du bearbeiten willst.“, sagt meine Chefin zu mir. Alles klar! Seit Beginn meines Praktikums recherchiere ich nun zum Thema Studienabbruch. Und das wirklich komplett selbstständig mit Interviews, Terminvereinbarungen und eigener Recherchearbeit. Ich hole Wasser und Kaffee, aber nur für mich selbst. Ich denke, dass das jetzt das Thema ist, mit dem ich mich die gesamten sechs Wochen beschäftigen werde. Aber weit gefehlt.

Schon am zweiten Tag gehe ich mit zu einer Pressekonferenz in die Staatskanzlei. Es geht um die „Konsolidierung von Förderprogrammen und Weiterentwicklung der sächsischen Förderstrategie“. Ein Thema, was für mich als Unwissender auf jeden Fall nicht so spannend ist wie für die Kollegen, von denen manche wirklich auf heißen Stühlen sitzen. Aber es ist schon interessant, im Medienzentrum der Staatskanzlei zu sitzen und beobachten zu dürfen, wie Martin Dulig ausgefragt wird.

Am 18. Juni fahre ich dann zur Gegendemo zum AfD-Bundesparteitag in Riesa. Bei gefühlten 60 Grad im Schatten bin ich schon neidisch auf die KollegInnen, die da gerade in der klimatisierten Halle sitzen. Ich ziehe mit meiner Kamera und zwei Kollegen aus der Lokalredaktion los und wir begleiten die Demo. Am Ende kann ich sogar noch ein paar Informationen von meinem Notizblock in den Artikel schreiben. Natürlich ist es auch echt cool mit polizeilichem Segen in einen Bereich zu kommen, den nur Pressevertreter betreten dürfen.

In der nächsten Woche bekomme ich den Auftrag, zu einer Pressekonferenz des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs zu gehen und darüber zu berichten. Und dann schreibe ich auch schon meinen ersten Artikel, der auch in der Printausgabe veröffentlicht wird. Einen Tag später schiebe ich sogar noch einen Kommentar zum Thema Ausbau des Radverkehrs in Sachsen hinterher. Stolz wie Bolle rufe ich meine Mutter an, die sich sogleich eine Zeitung kauft. Danach schreibt sie mir eine Mail, in der sie mich für die gute Rechtschreibung und Grammatik lobt. Sogar die Kommasetzung würde stimmen.

Neben dem Text zum Studienabbruch schreibe ich jetzt noch einen Artikel über die Flüchtlingssituation in Sachsen. Meine ersten drei Wochen sind echt interessant und ich bin gespannt, welche Themen in den nächsten drei Wochen folgen. Ich weiß schon jetzt, Journalismus ist meine Berufung. Mein ganz persönlicher „Call of Duty“.


Das Rathaus in Freital.
Erfahrungsbericht

Drei Monate Paartherapie

Angelina hat einen Sommer lang für die Lokalredaktionen in Freital und Pirna gearbeitet. Dabei hat sie gemerkt, dass ihre Liebesbeziehung zum Lokaljournalismus auch Krisen übersteht.

Ich verliebe mich leicht und oft. Doch nur selten wird aus meinen Schwärmereien eine ernsthafte Beziehung. Wenn ich mich aber auf eine Partnerschaft einlasse, dann hält diese für viele Jahre.

Und doch hat bisher keine meiner Beziehungen so lange gehalten, wie meine Liebe zum Lokaljournalismus – nämlich ganze sechs Jahre. Das ist kein Wunder, schließlich habe ich viel in die Beziehung investiert. Im Studium habe ich mehr gearbeitet als studiert. Außerdem bin ich für den Journalismus in viele deutsche Städte und sogar ins Ausland nach Tschechien gezogen. Doch diesen Sommer hat die kleine Stadt Freital meine Liebe auf ihre bisher härteste Probe gestellt:

Der erste Artikel, mit dem mich mein neuer Chef in Freital beauftragt hat, war ein echter Lokaljournalismus-Klassiker: die Eröffnung der Freibad-Saison. Darüber hatte ich auch in der Vergangenheit schon geschrieben. Dementsprechend selbstbewusst habe ich mich also auf den Weg ins Freibad gemacht. Dort angekommen merkte ich jedoch schnell, dass ich mich wohl überschätzt hatte. Denn obwohl ich mich angekündigt hatte und wirklich freundlich war, hatten die Bademeister vor Ort so gar keine Lust, mit mir über ihre Arbeit zu sprechen.

Sie wollten nicht in der Zeitung erwähnt werden. Dabei ging es ja nur um die Reinigung von Becken und Liegewiesen und nicht um ihre Einschätzung des Nahostkonflikts.  Zu groß war das Misstrauen gegenüber den Medien und damit auch mir. Außerdem kannten sie mich nicht. Ich war neu in Freital und das sah man mir wohl an. Denn auch der Fotograf, der wenig später hinzukam, fragte: „Du bist nicht von hier, oder?“

Trotzdem hat er mir geholfen. Gemeinsam konnten wir den Bademeister-Azubi davon überzeugen, sich fotografieren zu lassen. Außerdem stimmte einer seiner Kollegen am Ende zu, ihn mit Vornamen zitieren zu dürfen. Ich hatte also alle Informationen, die ich für den Artikel brauchte und war trotzdem ziemlich gefrustet.

Szenen wie diese wiederholten sich. Ein Autohaus-Inhaber wollte nicht mit mir über seine neu installierte E-Ladesäule sprechen. Dabei kann so ein Zeitungsartikel ja durchaus für nützliche Aufmerksamkeit sorgen. Irgendwann begann ich wirklich an mir selbst zu zweifeln. Spreche ich die Leute nicht richtig an? Komme ich falsch rüber? Was kann ich ändern? All diese Fragen kreisten in meinem Kopf. Schließlich kam auch ein-, zweimal der Gedanke auf, ob ich hier überhaupt richtig bin.

Zweifel, die kann und sollte man immer haben. Doch eine langjährige Beziehung deshalb einfach aufzugeben, das kam für mich nicht infrage. Also bat ich meinen Chef um Tipps für die Ansprache von möglichen Protagonist*innen. Ich überlegte mir eigene Themen und schrieb fleißig große und kleine Texte. Ich testete die Freitaler Imbisse auf ihr vegetarisches Angebot, begleitete Kinder zu ihrem ersten Schwimmkurs nach dem Lockdown und traf eine Klimaaktivistin zum Interview.

Und dann kam Marcus Loesdau, ein junger Rettungssanitäter, der nach Feierabend jede freie Minute bei der Freiwilligen Feuerwehr in Freital arbeitet. Eine wirklich interessante Persönlichkeit, die ihr ganzes Leben der Rettung von Menschen widmet. Ohne meinen Job hätte ich Marcus Loesdau nie kennengelernt und damit hätten ich und viele Leser*innen eine wirklich spannende Geschichte verpasst. Spätestens da wurde mir wieder bewusst, warum ich den Lokaljournalismus so liebe: Weil die besten Geschichten meist gleich nebenan passieren. Man muss sie nur suchen und erzählen.

Erfahrungsbericht

Darum wollen wir Journalist*innen werden

Sieben junge Frauen und Männer werden zurzeit
bei der SZ zu Redakteur*innen ausgebildet. Ihr zweijähriges Volontariat führt sie durch alle Ressorts der Zeitung. Hier erklären sie, was sie sich von ihrem Beruf versprechen.

Timotheus Eimert

Vor 30.000 Leuten

Einmal vor 30.000 Menschen Fußball spielen – das ist der Traum eines jeden Fußballjungen. So auch meiner. Doch irgendwann musste ich feststellen, dass meine Qualitäten nicht für
ein Spiel im Dresdner Rudolf-Harbig-Stadion ausreichen. Dass ich heute dennoch manchmal vor 30.000 Menschen arbeiten darf (wenn nicht gerade Corona ist), habe ich einem Zeitungspraktikum zu verdanken. Ein Montagabendspiel in der 2. Bundesliga zwischen Dynamo Dresden und Fortuna Düsseldorf vor neun Jahren hat den Grundstein für eine Karriere im Journalismus gelegt. Heute berichte ich nicht nur über Dynamo-Spiele, sondern schreibe über fehlende Sporthallen, neue Buslinien, Kitas und Gesundheitsämter, die bei Corona-Inzidenzen tricksen. Kein Tag ist wie der andere. Täglich lerne ich neue Menschen kennen. Welcher Beruf bietet solche Vielfalt? Auf Sächsische.de kann ich zwar schneller und aktueller berichten als in der Zeitung, dennoch möchte ich Lesern vor allem Orientierung bieten. Verlässliche Informationen und gut recherchierte Texte. Gerade dafür brauche ich eine gute Ausbildung.

Erik-Holm Langhof

Alles hinterfragen

Ich war 15, als ich bei der Sächsischen Zeitung als Praktikant angefangen habe. In der Lokalredaktion Zittau habe ich gelernt, wie wichtig es ist, über regionale Themen zu schreiben und mit den Menschen vor Ort ins Gespräch zu kommen. Das hat sich auch die folgenden Jahre so gehalten, weshalb ich 2019 als Volontär in der Lokalredaktion Döbeln gestartet bin. Für mich hat der Journalist eine wichtige Aufgabe: schwierige, interessante Themen möglichst leicht verständlich, wahrheitsgetreu und objektiv für Leser, Hörer oder Zuschauer aufarbeiten. Vor allem in der heutigen medialen Zeit wird diese Aufgabe immer wichtiger. Nicht zuletzt deshalb setze ich mich dafür ein, dass Falschmeldungen verhindert werden und sich qualitativer Journalismus auch weiterhin durchsetzt. Kritisch sein, Dinge hinterfragen, Nachrichten gut aufarbeiten und Menschen zu Wort kommen lassen – das ist mein Ziel als Redakteur, das ich täglich verfolge und auch in Zukunft verfolgen möchte. Egal, ob in Print, online oder den sozialen Netzwerken.

Marvin Graewert

Nimm das, Zuckerberg!

Häufiger werde ich gefragt, warum ich ausgerechnet bei einer Zeitung arbeite: Das nervige Rascheln, das unhandliche Format und für Menschen geschrieben, für die
meine Großeltern im Bus aufstehen würden. Warum die SZ, wenn ich auch für Joko Winterscheidts JWD-Magazin oder den Spiegel-Online-Ableger bento arbeiten könnte. Aus heutiger Sicht ist die Antwort einfach: Beide wurden eingestellt.
Tatsächlich lässt sich in einer Zeitungsredaktion beides vereinen: Ruhe für gut recherchierte Texte und Spielwiese für neue Erzählformate. Das spannende Leben der Menschen um uns herum kennenzulernen und aufzuschreiben, macht unglaublich viel Spaß. Dass sich damit auch junge Leser begeistern lassen, zeigen regelmäßige Experimente in meiner WG-Küche: Auch
wenn es niemand zugeben würde, greifen morgens alle nach der Zeitung. Jeder liest sich an irgendeiner Stelle fest, zumindest so lange, bis ich mit Block und Stift unter dem Küchentisch hervorspringe und kreische: „Nimm das, Marc Zuckerberg!

Angelina Sortino

Auch Spießer sind spannend

Dass ich Journalistin werden möchte, habe ich während meines ersten Praktikums bei einer süddeutschen Lokalzeitung gemerkt. In meinem ersten Text, der in dieser
Zeitung abgedruckt wurde, ging es um eine knapp zwei Meter hohe Pflanze im Garten eines Rentners – zugegebenermaßen kein Thema, das die Welt bewegt. Dennoch
merkte ich schnell, dass selbst die etwas spießige Kleinstadt, für die meine Redaktion verantwortlich war, voller spannender Menschen und Geschichten steckte, die ich unbedingt erzählen wollte. Das ist auch der Grund dafür, dass ich nach mehreren Praktika bei überregionalen Medien immer wieder gern zum Lokaljournalismus zurückgekehrt bin. Denn obwohl es natürlich auch spannend und wichtig ist, sich mit großen gesellschaftlichen Problemen und Zusammenhängen auseinanderzusetzen, beeinflussen die lokalen Ereignisse den Alltag von uns und unseren Lesern einfach am meisten. Ich werde Journalistin, weil ich die Geschichten von den Menschen erzählen will, denen sonst nicht genug zugehört wird. Ich wünsche mir, dass meine Texte die Leser berühren, wütend machen und zum Nachdenken anregen. Allerdings muss ich auch zugeben, dass mir mein Job einfach unglaublich viel Spaß macht, und das allein ist eigentlich schon Grund genug, um Journalistin zu werden.

Tim Ruben Weimer

Das Buch muss warten

Schon als Kind hatte ich den Wunsch, ein Buch zu schreiben. Ich fing an, mir Geschichten und Figuren auszudenken. Aber schon nach den ersten Seiten gingen mir die Ideen aus. Meine Geschichten waren viel zu „normal“, als dass sie jemand lesen würde.
Der Wunsch nach einem eigenen Buch blieb, bis heute. Doch inzwischen sind aus den Geschichten echte Begegnungen und aus den Figuren reale Personen geworden. Was ich mir vergeblich auszumalen versuchte, erlebe ich heute im echten Leben. Mit einem Senner stand ich morgens vor Sonnenaufgang auf, um Ziegen zu melken. Ich verbrachte ganze Nachmittage im stinkenden Dachzimmer eines „Reichsbürgers“. Das echte Leben ist häufig viel spannender als die Fantasie. Gleichzeitig weiß ich: Meine Geschichten konstruieren Realität. Meinen Lesern bin ich schuldig, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen.
Jeden Tag in einem neuen Thema vom Amateur zum Experten zu werden, darin liegt für mich der Reiz des Journalismus. Und vielleicht wird es ja eines Tages doch noch was mit meinem Buch mit „wahren“ Gesichten.

Luisa Zenker

Keine halbe Wahrheit

„Schreiben Sie bitte nicht so schlecht über uns.“ Das sagte mir kürzlich ein Sprecher des Essenslieferdienstes Lieferando, der für seine Arbeitsbedingungen in der Kritik stand. „Ich schreibe nicht schlecht“, versicherte ich, „sondern ehrlich.“
Viele Affären wären nicht aufgedeckt worden, hätten Journalisten und Journalistinnen nicht gründlich recherchiert. Solche, die selbst Themen setzen, andere Stimmen zu Wort kommen lassen und bei alledem den lokalen Alltag nicht vergessen.
Genau das möchte ich lernen, hier bei der Sächsischen Zeitung. Ob Stadträtin, Landtagsabgeordneter oder Geschäftsführerin – sie alle treffen wichtige Entscheidungen, deshalb sollte man ihnen besonders auf die Finger schauen. Denn was würde passieren, wenn kein Journalist mehr den Dresdner oder Freitaler Stadtrat kommentiert? Und um noch mal zum Anfang zurückzukommen: Ich möchte nicht in einer Welt leben, in der nur halbe Wahrheiten über die Arbeitsbedingungen in großen Unternehmen veröffentlicht werden.

Martin Skurt

Zu viel Glutamat

Immer, wenn ich Chinesisch esse, fühle ich mich schlapp. Ich dachte lange, das liegt am Glutamat. Doch nach einer kurzen Recherche bin ich auf das Chinese Restaurant Syndrom gestoßen. US-amerikanische Ärzte beschrieben Ende der 1960er-Jahre genau meine Symptome. Mittlerweile weiß man jedoch, dass der Begriff eher den Rassismus von damals ausdrückt. Ob Glutamat Beschwerden auslöst, ist bis heute umstritten. Vielleicht esse ich nur immer zu viel davon. Was ich mit diesem kleinen Beispiel sagen will? Ich recherchiere unheimlich gern. Vertreibe mir ohne Probleme stundenlang in Online-Medien und Foren die Zeit. Als Journalist will ich digitale Kanäle verstärkt nutzen, relevante Informationen filtern und dabei interessante Geschichten aufstöbern sowie erzählen . Deshalb bin ich glücklich, meine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Das Spannendste ist dabei häufig der Weg zur Geschichte. Recherche eben. Die Recherche sei die Kür des Journalismus, heißt es manchmal. Ich sehe sie vielmehr als Pflicht. Gerade, weil Medien mit Glaubwürdigkeitsproblemen kämpfen.

Erfahrungsbericht

Bis die Wolken wieder lila sind

„Seid mal kreativ“, hieß es. Anfang April 2019 hatte ich die große Ehre und durfte als erster Volontär meine Station im neuen Newsroom der SZ antreten. Das Herzstück des Hauses, in dem unser im November gestartetes Online-Portal „Sächsische.de“ produziert wird, flößte mir ordentlich Respekt ein. Immerhin laufen hier die Fäden zusammen, haben die großen Chefs ihre Büros, sitzen bei den täglichen Konferenzen vor vier riesigen Bildschirmen, die die nackten Zahlen zeigen. Trends, Klickzahlen, Abos. Ganz schön beeindruckend. Gleich am ersten Tag nach dem Mittagessen mit den neuen Kollegen fand ich mich mit einer Tasse Cappuccino im Foyer unseres Hauses wieder. Mir gegenüber: Fabian Deicke, Creative Director, begnadeter Marathon-Läufer und zuständig für jene Ideen, die die digitale Welt begeistern. Nach einem kurzen Kennenlernen ging es dann zur Sache: Ein Projekt sollte es werden. Fabian hatte sich viele Gedanken im Vorfeld gemacht. Seine Idee: Unseren Instagram-Feed gestalten, neue Follower gewinnen, die Community stärken. Am Ende meiner drei Monate soll ein handfester Workflow stehen, der unseren Fotografen, Volos und Online-Redakteuren die Arbeit in der Sphäre der einfangenden Bilder erleichtert.

Super Aufgabe, dachte ich mir und sagte freudig zu. Denn neben dem Schreiben knipse ich auch gerne, betreibe einen Instagram-Kanal und eine eigene Kunstfotografie-Homepage. Um Likes und Follower ging es mir daher bis dato eher weniger, viel mehr möchte ich abseits jeder digitalen Erwartungshaltung Bilder schießen, die meine Perspektive auf unsere Welt, unser Empfinden und unsere Gesellschaft zeigen. Bei einem Nachrichtenmedium wie Sächsische.de ist das natürlich anders. Unsere Fotografen bilden das ab, was in den sächsischen Regionen passiert, visualisieren tagesaktuelle Ereignisse, bringen mit klarer Bildsprache Ereignisse, Veränderungen sowie große und kleine Alltagsmomente direkt zum Leser. Eine Tageszeitung, ob sie nun digital oder Print umgesetzt wird, vertritt einen Informationsanspruch – und ist, besonders im Lokalen, den Lesern Klarheit und Stringenz schuldig.

Genau das macht Instagram zu einem eher schwierigen Kanal. Während Facebook, Twitter und Whatsapp jenen News-Charakter ziemlich gut spiegeln, setzt Instagram auf eine unpolitische Wohlfühlblase. Im Feed wird vorwiegend Schönes gezeigt. In den Kommentaren streiten sich keine rechten Trolle mit linken Aktivisten auf gehässige Art über das Urteilsvermögen schulstreikender Jugendlicher. Vergewaltigungen, Atomdeals und tödliche Autounfälle haben hier nichts zu suchen. Aber auch die kritische Auseinandersetzung mit weniger polarisierenden Themen wäre zu schwere Kost.

Gleichzeitig ist es relevant, auf allen Kanälen präsent zu sein. Wie kann ein Medium wie Sächsische.de das schaffen? Eine Gratwanderung, die mich in letzter Zeit manchen freien Abend kostete, an dem ich damit beschäftigt war, nach einer 8-Stunden-Social-Media-Schicht im Newsroom verschiedene Online-Ratgeber zu lesen, Profile anderer Zeitungen zu analysieren und mir die nächsten Schritte für die folgenden Meetings zu überlegen. Schnell wurde klar: Alles gar nicht so einfach wie gedacht. Doch glücklicherweise hatte Fabian bereits über mehrere Monate mit der Social-Media-Managerin unserer hauseigenen Werbeagentur ein Konzept ausgetüftelt, dass das Bedürfnis der Instagram-User nach Feel-Well-Community mit unserem Anspruch, online Storytelling zu betreiben, verbindet.

Die Idee: Eine klare Trennung von Feed und Story. Im Feed finden unsere Follower in regelmäßigen Abständen ästhetische, auf die Bildsprache des Netzwerks abgestimmte Landschafts- und Städtebilder aus allen Regionen Sachsens, die zum größten Teil von den Usern selbst stammen. Lila Wolken, direkte und lockere Ansprache, jeder kann partizipieren. In den Stories verlassen wir den statischen Bereich der virtuellen Galerie und setzen voll und ganz auf Dynamik. Hier spielt das Leben. Kurze Videoclips, Berichterstattung von Events, News, Storytelling, direkte Interaktion durch Umfragen, Einbindung von Usern in Real-Life-Projekte wie die Rewe-Team-Challenge in Dresden.

Das alles basiert auf der Erkenntnis, dass News im Instafeed einfach nicht funktionieren. Immer wenn die Infos zu konkret, die Geschichten komplex sind und dann noch frontal Gesichter abgebildet werden, scrollt der geneigte Instagrammer einfach weiter. Die Zahlen sprechen dabei Bände: Viele renommierte überregionale Zeitungen in Deutschland haben zwar eine Vielzahl an Followern, können mit ihren newsigen Geschichten im Feed jedoch kaum mit Likes punkten. Auch die Sächsische.de-Community konnte nur über die letzten sechs Monate anwachsen, weil diese Regel konsequent beachtet wurde. Unsere Nutzer wissen: Dieser Kanal ist nicht Pegida oder G-20-Krawalle, sondern Bastei, Neustadt und Meißner Dom im Sonnenuntergang. Trotzdem war uns allen klar: Ohne eine Verbindung zum Markenkern der SZ, nämlich gutem Journalismus, kommt auch der Feed auf Dauer nicht aus.

Fabians Wunsch war es, auch die hauseigenen Fotografen stärker einzubinden. Denn die sind schließlich jede Woche in der Region unterwegs und schießen viel mehr Bilder, als letztlich online und im Print erscheinen. Ich machte den Vorschlag, damit anzufangen, jeden Freitag ein SZ-internes Bild auf Instagram zu posten. Die Voraussetzung: Es musste in den Grundgedanken des Feeds passen. Um das zu erreichen, luden wir die Fotografen zu einem gemeinsamen Workshop ein. Hier und in weiteren persönlichen Gesprächen konnten wir die Kollegen überzeugen, beim Durchsehen ihrer Fotos immer auch auf eine mögliche Instagram-Tauglichkeit zu achten. Fällt Ihnen jetzt ein Exemplar auf, dass gut passen könnte, schicken Sie unserem Fotochef Veit Hengst in der Newsbar ganz einfach eine kurze formlose Mail mit der entsprechenden Datei. Die kommt dann in eine neu angelegte Instagram-Ordnerstruktur und wird unter „Vorschläge“ einsortiert.

Gleichzeitig beobachtet der Feedverantwortliche, in diesem Fall ich, über unser Bildarchiv immer wieder, welche neuen Fotos zu Artikeln eingestellt werden. So habe ich stets einen Überblick und kann entscheiden, welches Bild gut passen würde. Bei Bedarf lasse ich das Foto noch von der SZ-Bildstelle bearbeiten, so dass es letztlich einen passenden Look hat, oft ist das aber auch gar nicht notwendig. Zu guter Letzt noch ein ansprechender Text und fertig ist das Ganze.

Auch wenn es am Anfang einfach klingt, weil die sozialen Netzwerke so intuitiv funktionieren: Für einen optimalen Workflow musste ich viele Dinge beachten, an die ich am Anfang gar nicht gedacht hätte. Seien es Strukturen, Zuständigkeiten und Kapazitäten von Kollegen, aber auch zu wissen, was die User wollen und was sie schlicht ignorieren. Und natürlich die Frage, wie ich Geschichte und Bild ansprechend verbinden kann, um die Nutzer auch langfristig für unser Newsportal zu begeistern. Jedem, der zum ersten Mal mit einer ähnlichen Aufgabe betraut wird, kann ich nur raten, sich intensiv auszutauschen. Denn oft ist bereits viel Know-How vorhanden und muss nur noch gebündelt werden. So lassen sich Synergieeffekte prima nutzen. Und natürlich: Probieren, probieren, probieren. Keine Angst vorm Scheitern!

In nächster Zeit werde ich wohl viel damit beschäftigt sein, das was wir begonnen haben, weiter auszubauen. Warum nicht mehrere Tage mit Pressefotos auf Instagram, die Geschichten dazu kurz und knackig im Bildtext? Unser nächstes Ziel: 10.000 Follower. Bis dahin wartet noch viel Arbeit. Bis die Wolken wieder lila sind.

News, Wie geht Journalismus

Mehr Lokales auf sz-online

Newsdesk Bautzen neu
Im neuen Newsroom in Bautzen arbeiten die Kollegen für die Lokalredaktionen in Bautzen, Bischofswerda, Kamenz und Radeberg. Die Erklärungen zu den Ziffern stehen im Text. Foto: Uwe Soeder

 

News im Minutentakt: Die Sächsische Zeitung Bautzen hat eine neue Nachrichtenzentrale. Hier laufen die Informationen aus dem gesamten Landkreis zusammen.

Kaum passiert – schon informiert: Die Sächsische Zeitung baut ihre Berichterstattung für die Region Bautzen aus und startet ein neues lokales Online-Angebot. Die Kollegen aus Bautzen, Kamenz, Radeberg und Bischofswerda informieren auf sz-online schneller und ausführlicher über das lokale Geschehen. Wenn der Stadtrat neue Kitagebühren beschließt, wenn es auf der Autobahn mal wieder kracht oder ein Investor neue Jobs verspricht, dann erfahren das die Leser aktuell und zuverlässig in den neuen lokalen Schaufenstern auf sz-online.

1 Fotostation: Täglich gehen hier die aktuellen Bilder ein. Ist der Fotograf nicht gerade unterwegs, kann er an diesem Platz die Bilder bearbeiten und ihnen den letzten Schliff geben. Dann sind die Redakteure an der Reihe. Sie haben die Qual der Wahl. Welches Motiv ist aussagekräftiger? Welches hat das richtige Format? Aus den vielen Fotos gilt es, das Beste auszuwählen.

2 sz-online: Neben der gedruckten Zeitung wird die Online-Ausgabe immer wichtiger. An einem Platz im Newsroom sitzt deshalb ein Online-Redakteur. Seine Aufgabe ist es, bei sz.online schnell und ausführlich über das aktuelle Geschehen in Bautzen, Kamenz, Bischofswerda und Radeberg zu berichten. Er entscheidet, welche Beiträge es auf die Internetseite schaffen.

3 Facebook: Die SZ ist auch in den sozialen Medien vertreten. Jede Lokalredaktion hat ihren eigenen Facebook-Auftritt. Die Redaktion postet Bilder und Texte und spricht die Leser direkt an. Eine Redakteurin wählt Themen aus, die für die Community interessant sind, liest sich die Kommentare genau durch. Vielleicht findet sich hier Stoff für den nächsten Artikel.

4 Spätdienst: Bis 23 Uhr ist dieser Stuhl besetzt. Der Spätdienst wirft den letzten Blick auf die Beiträge. Ist alles in Ordnung, kann der zuständige Redakteur die Seiten zur Druckerei schicken. Hektisch kann es hier aber auch zugehen. Nämlich dann, wenn am Abend noch etwas Überraschendes passiert. Dann muss der Spätdienst schnell reagieren. Die Aktualität geht vor.

5 Producer: An diesem Platz füllen sich die leeren Seiten der Zeitung. Der Producer ist für das Layout zuständig. Er ordnet Artikel und Texte so an, dass sie harmonieren. Er sorgt dafür, dass zu jedem Artikel das passende Bild erscheint. Doch das ist noch nicht alles. Der Producer schreibt Meldungen für die Redaktionen und verfasst die neuesten Polizeinachrichten.

6 Monitorwand: Die Flachbildschirme kommen gleich mehrfach zum Einsatz. Hier können die Redakteure beobachten, welche Beiträge gerade auf sz-online laufen. Oder sie schauen sich die aktuellen Seiten an. Auf die große Monitorwand passt eine ganze Ausgabe. Wie sieht die Zeitung von Morgen aus? Im Newsroom kann man das zuerst sehen.

7 Newstelefon: Egal wo im Landkreis etwas passiert, hier gehen die Informationen als Erstes ein. Das Newstelefon ist die Schaltstelle. Der Redakteur vom Dienst, der hier sitzt, sammelt die Informationen. Er hat den Überblick und muss entscheiden: In welcher der vier Lokalausgaben soll der Beitrag erscheinen? Und was muss sofort auf sz-online gestellt werden? (szo)

 

 

 

 

 

News

Alles nur eine Frage der Zeitung

Am Montag wurde in Dresden der Deutsche Lokaljournalistenpreis verliehen. Der erste Preis geht an die Sächsische Zeitung für ihren „Familienkompass“. Auch die anderen Blätter, die ausgezeichnet werden, haben bewiesen, was Lokaljournalismus heute alles leisten kann.

 

Zeitung lesen
Die Sächsische Zeitung ist Dresdens meistgelesene Tageszeitung. Man kann sie zu Hause am Frühstückstisch lesen – oder warum nicht auch mal bei einer Pause im Zwinger? Foto: Ronald Bonß

 

Zu den Dingen, die Deutschland dann doch irgendwie liebenswürdig machen, zählt auch seine einzigartige Zeitungslandschaft. Zwischen Dresden und Düsseldorf gibt es über 300 Lokalzeitungen mit einer Auflage von insgesamt etwa 13 Millionen. In fast jedem Ort, und sei er noch so winzig, ist es möglich, eine Zeitung zu abonnieren, die jeden Morgen frisch gedruckt im Briefkasten steckt. Von der Allgemeinen Laber Zeitung (sie heißt tatsächlich so) in der Oberpfalz über den Isar-Loisach-Boten in Wolfratshausen bis zur Zossener Rundschau – ist es nicht herrlich, in einem Land zu leben, in dem so etwas Wunderbares möglich ist?

Allein die Sächsische Zeitung hat zwischen Niesky und Döbeln 20 verschiedene Lokalredaktionen. Und weil die Reporter und Redakteure hier täglich ihr Wissen untereinander austauschen, profitieren alle Leser von diesem riesigen Netzwerk. Anders wäre auch der „Familienkompass“ in dieser Form nicht denkbar gewesen, für den die SZ nun mit dem Deutschen Lokaljournalistenpreis ausgezeichnet wird. Denn im Gegensatz zu einer einfachen Umfrage konnte die Zeitung überall direkt nachhaken und in jedem Ort mit den Menschen sprechen und den Problemen nachgehen, auf die Leserinnen und Leser hingewiesen haben.

Und siehe da: In vielen Orten fanden die Verantwortlichen plötzlich Lösungen. So können Lokalzeitungen mit Hilfe ihrer Leser dazu beitragen, dass sich das Leben in ihrer Region spürbar verbessert.
Da lächle noch jemand über „Provinzblätter“! Dass moderner Lokaljournalismus viel mehr kann, als von der jüngsten Schützenvereinssitzung zu berichten, haben auch die anderen Zeitungen bewiesen, die am Montag im Dresdner Albertinum mit Preisen gewürdigt wurden. Das können ganz kleine, aber besondere Ideen sein, wie die Rubrik „Fünf Minuten Stadt“ im Berliner Tagesspiegel. Oder es können aufwendige, groß angelegte Projekte sein, wie die Serie „Wohn-Wahnsinn“ der Stuttgarter Nachrichten. Das kann die gute alte Tradition der Reportage sein, auf die sich die Volontäre der Neuen Westfälischen besonnen haben. Oder es kann die intelligente Einbindung von Facebook und Twitter sein.

Überhaupt spielt das Internet gerade auch für Lokalzeitungen eine immer wichtigere Rolle. Denn wenn sich Redaktionen heute als „Anwalt der Leser“ verstehen, dann sind Online-Kanäle eine gute Möglichkeit, um mit der Redaktion schnell und unkompliziert in Kontakt zu treten. Die Sächsische Zeitung will auch mit anderen Projekten einen Beitrag für die Region leisten und dabei immer ihre Leser mit einbeziehen: „Schulnavigator“, „Krankenhausführer“, „Glücksatlas“, „Unternehmer des Jahres“, „Dresdner Reden“. Das alles kann und soll klassischen Lokaljournalismus nicht ersetzen: Nachrichten aus dem Gemeinderat, Gerichtsberichte, Theaterrezensionen, Spielanalysen aus dem Dynamo-Stadion. Aber es kann ihn bereichern und ergänzen. Jeden Tag aufs Neue, frisch gedruckt im Briefkasten. (SZ)

 

[youtube https://blog.journalist-werden.de//www.youtube.com/watch?v=or4BajGCnUE&w=640&h=360]

 

Wie die Arbeit einer Lokalredaktion im Detail aussieht, haben sich die Kollegen vom Forum Drehscheibe eine Woche lang bei der SZ in Bautzen angeschaut und dazu mehrere Beiträge auf ihrer Homepage veröffentlicht.